Wer ist die Erste?

Das fragt sich wohl jede richtige Weiber-Clique in ihrer Freundschaftskarriere – wer ist die Erste? Die Erste, die den ganzen Hochzeits-, Kinder-, Haus-bauen-Wahnsinn anfängt? Die uns alle mit der Nase voran in etwas tunkt, was wir ganz bestimmt nicht wissen wollen. Dass schon viele Jahre vergangen sind. Dass sich jeder weiter entwickelt, sich selbst formt, in seinem Leben voran schreitet. Dass man erste Fältchen kriegt, Kindersöckchen plötzlich süß findet und feste Bindungen nicht nach einer Woche abbricht, weil man doch irgendwo noch was viel besseres finden könnte.

Ich kann mich noch gut an meine Mädels erinnern und an mich. Wir sehen uns nicht mehr so oft, manche von ihnen treffe ich nur noch einmal im Jahr. Mit ihnen hatte ich meinen ersten Vollrausch, diskutierte den ersten Kuss, das erste Mal, feierte die Abiprüfungen und wankte in einer Ouzowolke in regelmäßigen Abständen aus unserem Stamm-Griechen. Die Kellnerin in unserem Italiener wusste immer, dass wir ganz bestimmtes Heißgetränk wollen, einfach weil wir da jede Woche in unserer Freistunde und auch sonst oft spontan vorbei schauten.

Dann kam das Studium, die Arbeit und wir leben mittlerweile in halb Europa verteilt. Es gibt Zeiten, da vermisse ich ihre Anwesenheit besonders schmerzlich, vor allem, wenn mich die eigenen Zukunftsängste plagen, und ich mich daran erinnere, wie wir gemeinsam über den schier unlösbaren Matheaufgaben hockten, uns mit Kaffee zudröhnten und am Ende nicht wirklich gelernt hatten, sondern zusammen Talkshows im Fernsehen geschaut hatten. Die Sorgen von damals erscheinen mir heute so völlig banal und manchmal mache ich mir selbst Mut, dass die jetzige Zeit vermutlich in zehn Jahren ähnlich lächerlich einfach auf mich wirken wird.

Nun erreichte mich letztens ein Postkärtchen, was in einem Zeitalter von Emails, Facebook und dergleichen schon etwas Besonderes ist. Ich las Dinge von Einweihungsparty, Umzug, nichts Außergewöhnliches. Dann entdeckte ich den kleinen Umschlag, den sie mir mitgeschickt hatte. Ich witzelte noch, dass sie wohl gerochen haben muss, wie es um meine derzeitige finanzielle Situation steht, und mir Geld geschickt hat. Was mir da aber nach dem Öffnen entgegen fiel, war nichts Anderes als ein Ultraschallbild mit einer riesigen, verrauschten grauen Wolke darauf, durch die sich ganz leicht sichtbar eine kleine Wirbelsäule schlängelte. Eine meiner Freundinnen wird Mama.

Die erste normale Reaktion von mir wäre ein Schock gewesen. Ein entrüsteter Ausbruch, so etwas wie „Oh Gott, sie schmeißt ihre Zukunft weg, ihre Unabhängigkeit! Was ist mit dem Studium, den Partys, den durchtanzten Nächten?“. Oder solche Sachen wie „also ich würde das ja derzeit nicht wollen“ usw. Stattdessen musste ich mir tatsächlich ein Rührungstränchen verdrücken, war schier völlig von der Rolle und den einzigen Gedanken, den ich dachte war: „Och je, das will ich auch!“

Hallo?!

Geht’s noch?

Ich war zudem nüchtern, hatte etwas im Magen und war auch sonst voll Herrin meiner Sinne. Ich muss wohl selbst ziemlich geschockt über die eigenen Gedanken gewesen sein und es hat mindestens so lange gedauert, zu begreifen, dass eine unserer eingeschworenen Gemeinschaft die erste Mutti wird, von der wir es alle GAR NICHT erwartet hatten, wie zu erkennen, dass ich mich ernsthaft und von ganzem Herzen für sie freue. Kommen da plötzlich Mutterinstinkte in mir hoch? Sind es die Hormone? Langsam, gaaaaanz langsam musste ich mir eingestehen, dass ich ja vielleicht doch ein kleines Bisschen neidisch war. Nicht auf die Schwangerschaft oder das Kinder kriegen. Sondern auf die Weiterentwicklung. Auf das Leben, was sich bei meiner Freundin weiter dreht, in derart normalen Bahnen, die ich mir auch wünsche. Dass sich bei ihr etwas entwickelt, während bei mir derzeit nur Stillstand und Ungewissheit herrscht. Dass sie ein Ziel hat, wenigstens EINEN festen Punkt in der Zukunft, dadurch auch zwangsläufig einen Plan und somit auch … fast schon Sicherheit. Versteht ihr, was ich meine?

Das heißt jetzt auch nicht, dass ich jetzt sofort ein Kind bekommen will. Aber ich musste mir wohl selbst ein bisschen eingestehen, dass ich die Phase überwunden habe, in der ich Kinder nur für schmutzige und grölende Nervensägen hielt. Dass ich … irgendwann, wenn ich mein Leben auf die Reihe gekriegt und wenigstens zwei bis drei von den drei Millionen Zielen, die ich mir gesteckt habe, erreichen konnte … mir das durchaus auch vorstellen könnte.

Aber wie es für mich typisch ist, schwankt dieser Gedanke bereits wieder und ist meiner Bloß-nicht-von-irgendwas-abhängig-sein-Einstellung gewichen. Das dauert dann wahrscheinlich wieder solange, bis die Nächste von uns schwanger wird. 🙂

Advertisements

Ein Gedanke zu “Wer ist die Erste?

  1. Herrje. ^^ Nur dass Kinder nichts einfach machen und durch Kinder nichts stabiler oder sicherer wird. Im Gegensatz, man hat noch viel mehr Sorgen und Ängste auszustehen. Aber ich kenn diese Gefühle auch. Nur verschwinden die bei mir immer mit jeder Klage meiner Schwestern über ihre Kinderprobleme. 😀

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s