Wie viel böse ist gut genug?

In vielen PC-Rollenspielen hat man die Wahl zwischen der guten und der bösen Seite. Man kann entweder der Streiter für alles Gute und Gerechte sein, oder mal so richtig seinen Frust dahingehend ablassen, dass man die Armen und Schwachen gehörig ausbeutet. Beide Seiten haben ihren Reiz und beide lassen sich oft mit viel Freude spielen, doch stelle ich fest, dass ich den bösen Weg kaum bis nie durchhalte. Irgendwann MUSS ich einfach Omis über die Straße bringen und dem Kind nun doch seinen verlorenen Teddy zurück holen, auch wenn ich doch ach so furchteinflößend und abgrundtief gemein sein wollte. Es klappt einfach nicht.

Ebenso verhält es sich, wenn ich schreibe. Soll der Hauptcharakter zu Beginn noch ein, sagen wir, gewissenloses Schwein sein, ist der Wandel zum Gutmenschen nahezu unvermeidlich. Schließlich muss die Welt ja irgendwie gerettet werden und das Motiv vom unfreiwilligen Helden ist dabei wohl nicht neu. Denn gerade solche Charaktere bleiben zumindets mir im Gedächtnis. Jene, denen das Schicksal seinen Stempel aufgedrückt hat, ohne dass sie wirklich etwas dafür können oder den Weg des Helden bestreiten wollten. Die Zeiten vom rechtmäßigen König und vom Jungen, der auszog, die Welt zu retten, scheinen vorbei zu sein. Stattdessen treten uns Charaktere gegenüber mit Ecken und Kanten, mit dunklen Geheimnissen und der einen oder anderen stinkenden Leiche im Keller. Sie sind es, denen wir beim lesen unser Herz schenken, über deren Zynismus und ironisch transportierten Weltschmerz wir lächeln, und mit denen wir angesichts des nicht seltenen schwarzen Humors lachen. Menschen mit Hintergründen, die uns zeigen, dass auch in der Literatur nicht alles Eitel Sonnenschein ist. Doch so wie es mir beim spielen und auch beim schreiben ergeht, so ist es in anderen Büchern ebenfalls zuhauf vorhanden. Anfangs der Bad Guy schlechthin, vollzieht sich der Wandel schleichend, bis am Ende doch die gute Seite hinter der harten Schale zum Vorschein tritt und man sich heroisch der unausweichlichen Aufgabe stellt.

Doch wieso ist das so und warum funktioniert das meist auch noch so gut? Vielleicht, weil wir in dem Hautphelden noch das bisschen Menschlichkeit sehen wollen, was den Antagonisten der Geschichte fehlt und was sie genau deswegen zu eben den Gegenspielern macht, gegen die es anzukämpfen gilt. Weil das Schema „Raue Schale, weicher Kern“ auch in so vielen Mitmenschen zu finden ist, dass es die Figur in der Geschichte realer, greifbarer macht. Oder vielleicht weil man sich in vielen Marotten wieder erkennt und die Identifikation wahnsinnig hoch ist. Und Identifikation mit der Hauptfigur schafft Lese- bzw. Spielvergnügen. Wer ist von uns schon perfekt, trennt immer sorgfältig den Müll und springt in der Bahn sofort auf, wenn eine klapprige Rentnerin an uns vorbei torkelt? Werfen wir nicht eher unsere Essensreste in den Restmüll und schmeißen ganz viel anderen Kram dazu, damit es nicht auffällt? Oder rollen wir nicht innerlich mit den Augen, wenn wir jetzt durch den gesellschaftlichen Druck für die arme alte Frau aufstehen müssen, auch wenn wir uns in sengender Mittagssonne diesen schattigen, ruhigen Fahrplatz erst mühsam ergattern mussten? Umso erholsamer muss es doch sein, von anderen Menschen zu lesen, die sich gegen jede Höflichkeit stemmen, welche in unserer Realität oft so frustrierend, aber durchaus notwendig ist. Umso entlastender zu sehen, wie es anders laufen könnte, wenn man selbst nicht immer den Helden im Alltag spielen müsste. Doch wie die Figuren in der medialen Welt schaffen es auch wir meist nicht, sofern wir nicht komplett psychopathisch sind, uns gegen die Regeln des guten Benehmens zu stemmen. Wer an öffentlichen Plätzen die Leute anpöbelt, ruft wahrscheinlich jeden zweiten Tag Mutti an, und wer sich an der Kasse vordrängelt, gießt für einen Freund bei dessen Abwesenheit Blumen. Es gibt kein Schwarz und Weiß und es ist erfrischend, dies vermehrt in Literatur und Film bzw. in Spielen mit ansehen zu können.

Doch wie viel innere Bösartigkeit, die wohl in jedem von uns wohnt, darf es sein beim Protagonisten unserer Geschichte? Wie viel darf man ihn pöbeln, giften und vielleicht sogar morden lassen, bis die große Kehrtwende, der Sinneswandel oder die unfreiwillige Heldentat kommt? Ab wann wird dieser Wechsel glaubwürdig und begründet, um nicht konstruiert und gesellschaftlich aufgezwungen zu wirken? Schon bei PC-Spielen kann ich die Bösartigkeit nicht bis zum Ende durchziehen, wie soll das also bei einem literarischen „Antihelden“ gehen? Ein Happy End, das nur durch das Streben nach persönlicher Bereicherung, konstruiert wird, wäre möglich. Doch irgendwie stößt mir das sauer auf. Die Balance zwischen einem an und für sich guten Charakter, der aber Böses tut (vermutlich wegen irgendwelchen, tief verwurzelten, kindlichen Traumata) und einem schlichtweg schlechten Menschen, der den perfekten „Endboss“ mimt, ist mehr eine Herausforderung, als es den Anschein hat. Doch haben wir nicht genug von den ewig strahlenden Helden, den golrreichen Rettern der Jungfrauen? Zumindest in den Bereichen der Dark und High Fantasy erscheint es so, denn da geht der Trend mit Autoren wie Joe Abercrombie doch deutlich weg von der Aura des Heldentums hin zum zynischen, blutigen Realismus, der es dennoch schafft, den Charakteren etwas anzuhaften, was sie zum Sympathieträger macht – und das ganz ohne Heiligenschein!

Letztendlich hat wohl beides seine Berechtigung – strahlender Schönling in goldener Rüstung und murrender Axtkämpfer, der das Schlachtenglück zu seinen Gunsten entscheidet – je nach Setting und dem, was man rüber bringen will. Reizvoll sind die neuen, bösen Charaktere nach wie vor für mich, doch so ganz kann ich mir das Märchenhafte nicht aus der Fantasy und allgemein aus dem Geschichten erzählen wegdenken.

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11 Gedanken zu “Wie viel böse ist gut genug?

  1. Der charismatische Bösewicht hat immer mehr Bewunderer, als der strahlende Weichspühlheld!

    Schafft man es nur beide miteinander zu kreuzen, müsste man eigentlich beide Lager von Fans hinter sich und die perfekte Figur haben. Das ultimative Kreuzungsergebnis gibt es aber leider nicht.

    Selbst kantige Helden wie Gerald von Riva oder Morrigan aus DAO sind in ihrem Tun doch meist eher irgendwo zwischen neutral gut und rechtschaffen böse einzuordnen, wobei das je nach Tagesform und Situation ständig fluktuiert! ^^

    Ich selbst habe es bisher nur einmal geschafft als Badass bis zum Ende durchzuhalten und das war bei Mass Effect ansonsten taten meine „bösen“ Chars immer genau dass, wozu ich gerade Lust habe und das ist auch bei mir stimmungsabhängig. ^^
    Und da ich meist gute Laune habe. … 😉

    Daher spiele ich im RP auch so gerne chaotisch neutrale Charaktere. Da muss man sich nicht so festlegen. ^^

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    1. Ich gehörte bisher immer dem chaotisch guten Charakter an 😀 Aber ja, beides in sich zu vereinen, erscheint perfekt, stelle ich mir aber auch nahezu unmöglich vor. Ich hab es mal bei KOTOR bis ans Ende geschafft, richtig fies zu sein, aber irgendwie bin ich so weich, mir haben beständig alle um mich rum leid getan 😉

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  2. Ja, ich halte es auch nur schwer durch, böse zu sein. Zusätzlich zum Rettungsgedanken kommt aber auch oft dazu, dass man mit Kooperation leichter weiterkommt.
    Interessant finde ich immer Bösewichte, die gute Gründe für ihr Verhalten haben. Die sich in eloquenten Winkelzügen erklären und man im ersten Moment denkt: Mensch, eigentlich hat er Recht. Und erst im zweiten Moment wird einem klar, wie schlimm unsere Welt wäre, wenn viele Leute so denken würden. Dass wir dann alle nur einsame Inseln wären, die keinen Menschen auf ihrem Territorium ertragen und niemandem vertrauen können.

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    1. Ganz genau. So manipulative Wesen, die einen fast rumkriegen, bis man denkt „Halt, nein, stopp! Was mach ich da?!“ 😉 Aber meist liefern diese Leute die besten und erinnerungswürdigsten Sprüche. Vom Unterhaltungswert liegen die dann wohl vorn.

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  3. Oh eine Leidensgenossin. Wie schön … mehr oder weniger. 😀

    Ich habe mir weiß Gott wie oft vorgenommen, endlich mal in einem Spiel böse sein. Unschuldige Dorfbewohner ermorden, bösen Kulten anhängen, Diebstahl, … die ganze Palette eben. Vergiss es. Ein paar Quests halt ich dergleichen aus, dann kommt die Wende hin zum strahlenden Held(in). Einer Fliege so noch etwas tun? Undenkbar.

    Vielleicht ja im nächsten Spiel mit Entscheidungsmöglichkeiten. 😀 Just heute habe ich ein weiteres mal Fable 3 durchgespielt … . Alle wurden gerettet, alle Entscheidungen zu Gunsten meines Volks getroffen. So viel also zum ich könnte ja mal böse sein … hab doch schon alle gerettet früher mal Vorhaben. 😀

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  4. Ich war auch immer eher der Typ chaotisch gut… Irgendwie zog es mich immer wieder in diese Schiene zurück… seltsam… Aber ich habe auch schon Bücher gelesen, wo am Ende der scheinbar Gute eigentlich der Böse war und wo ich mich diebeisch gefreut hatte, dass das Gute einmal nicht gewinnt… Bei mir kommt es ganz auf meine Laune an, zu welcher Art von Büchern ich greife.. Aber wegdenken kann ich mir beide Facetten nicht.

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  5. Zunächst mal muss ich sagen, toller Post! Gut geschrieben. 🙂
    Ich habe bei DAO einmal total gut gespielt, fast schon übertrieben rechtschaffen, dann wollte ich so ein richtiges Ar*** spielen, was mir fast perfekt gelang. Es ist dann doch so, dass man gewisse Dinge einfach nicht tun mag. Ich habe versucht die Figur einfach nur konsequent zu spielen und war eben einfach sehr wankelmütig. Wie’s in der Realität eben auch sein kann. Man hat schlechte und gute Tage. Mein Held war bestimmten Personen gegenüber grundsätzlich netter eingestellt und anderen immer feindselig.
    Der durch und durch heldenhafte Ritter ist auch mal schön, auch sehr klischeehaft, aber einfach ein Teil der Märchenwelt, den ich nicht missen möchte, da er einfach geballt alle Ideale verkörpert und doch ein gutes Vorbild ist. Schlicht sich an ihm ein Beispiel zu nehmen und sein Ideal anzustreben ist nicht verkehrt. Auf dem Weg dahin entsetehen dann eckige und kantige Helden. Und gerade Joe Abercrombies Klingenreihe finde ich genial.

    Und mal am Rande: ich spiele jetzt gerade „Kingdoms of Amalur – Reckoning“ und rege mich auf, dass ich die x-Achsen Kamera nicht invertieren kann. Blöde Umstellung, ich invertiere die immer. 😉
    Selbst schon gespielt?

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    1. Danke danke für das Lob, und was Abercrombie angeht will ich endlich mal Blutklingen lesen. Bisher hat es mir, was diese Richtung der Fantasy angeht, auch seeeehr Brent Weeks angetan (gerade frisch entdeckt 🙂 )
      Hmmmm bei dem Namen “Kingdoms of Amalur – Reckoning” klingelt bei mir was …. das muss ich gleich mal googeln.^^ Ist das gut, ja? Ich hab ja schon wieder The Witcher ausgekramt, weils so toll ist 😉

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      1. Bislang sehr gut. Erinnert manchmal stark an DA. Leider sind die Dialoge für den eigenen Charakter nicht gesprochen. Aber das war ja bei DAO auch nicht. Kann man mit leben.
        Die Kämpfe sind komplexer, aber dennoch bislang übersichtlicher, da die Kamera dann auch mal rauszoomt. Optisch ist es wohl sogar einen Tick besser, auf jeden Fall ziemlich bunt. Man ist zudem nicht auf eine Charakterklasse festgelegt, klar muss man sich spezialisieren, damit man eine Sache gut kann, aber man ist da recht frei. Ich kann Schlösser öffnen, ordentlich zuschlagen und Magie kann ich auch wirken.
        Man hat danaben auch Kampftechniken, was mich ein wenig an Soul Calibur erinnert, nur natürlich wesentlich einfacher. Es macht nämlich einen Unterschied eine Taste gedrückt zu halten oder schnell hintereinander. Gefällt mir bis dato sehr gut, aber ich brauch auch noch etwas um wirklich reinzukommen.
        Momentan kann ich nur sagen: Kaufempfehlung! 🙂

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