#isjairre

Ein neuer Hashtag macht derzeit auf Twitter die Runde, der schon nach kurzer Zeit einen Ansturm von Beiträgen für sich verzeichnen konnte. Bei #isjairre geht es um eben die vermeintlich Irren, um Menschen, die irgendeine psychische Last in ihrem Leben mit sich tragen, ob es sich dabei nun um Burnout, Depressionen (was für mich ja nach wie vor ein- und dasselbe ist, nur Burnout klingt vermutlich nicht so … ja … irre) oder schlicht um Stress handelt. Es geht um Anekdoten aus dem Leben, die sich vor allem auf die Reaktionen des Umfelds auf die Diagnose beziehen. Und die fallen nicht immer positiv aus, wie die erschreckenden Beispiele zeigen. Ein Artikel der Süddeutschen Zeitung fasst dies ziemlich gut zusammen.

Es geht los bei einem schlichten „ach so schlimm ist’s doch nicht“ bis hin zu „Du lachst doch immer. Da kannst du doch keine Depression haben…“. Man liest von Müttern, die sich für ihre depressiven Töchter schämen, von Mädchen, die sich antrainiert haben, lautlos zu erbrechen und von Zitaten aus dem Berufsleben, die ein sich-aufgeben auf einen Podest stellen und die honorieren, die vor lauter Arbeit und Stress daran zerbrechen. „Arbeit ist die beste Medizin“ ist da wohl noch das harmloseste. Burnout wird dabei immer mehr zu etwas, was anerkennenswert ist, weil derjenige ja „für etwas gebrannt“ und damit quasi alles gegeben hat.  Im Endeffekt zeigen solche Erfahrungsberichte nur, wie stigmatisiert eine psychische Erkrankung heutzutage wirklich noch ist und das die ganze Offenheit damit bis jetzt nicht immer nur Gutes mit sich bringt. Schon allein die kleinen Dinge können da schon den Ausschlag geben, dass Betroffene sich wie Aussätzige fühlen, unverstanden und vor den Kopf gestoßen. Der Stempel vom „Irren“ ist da nicht weit und es reicht meist schon, sich über zu viel Stress auf der Arbeit zu beklagen oder über ein fehlendes Privatleben und schon spielt das Umfeld die eigenen Ängste gehörig herunter.

Die Aktion zeigt, wie viel eigentlich auf diesem Gebiet noch getan werden muss, damit gerade das Umfeld für dieses Thema sensibilisiert wird. Mit Sicherheit muss man auch sagen, dass bei vielen Situationen den Angehörigen nur teilweise die volle Schuld gegeben werden kann, da für einen „Gesunden“ es wohl schwierig zu verstehen ist, wie es jemand aus Antriebslosigkeit schafft, nicht pünktlich auf Arbeit zu erscheinen. Es bleibt zu hoffen, dass so mancher vielleicht seine eigenen Aussagen ein wenig überdenkt, damit die allgemeine Einstellung zu diesem Thema sich vielleicht endlich einmal dahin wandelt, dass ein Depressiver, der krank geschrieben ist, mindestens genauso „krank“ ist, wie einer mit Magen-Darm-Grippe.

Wenn es um diese Hashtags geht, bei denen ja der #aufschrei wohl am ehesten in den Köpfen ist (Frauen berichten über ihre Erfahrungen zu sexuellen Belästigungen), bin ich auch oft etwas kritisch, da viele Themen so ewig lang hochgepusht werden, bis das eigentliche Thema und die wirklich ernsten Fälle völlig in den Hintergrund geraten. Übrig bleiben nur noch Extreme, die mit übertriebenen Äußerungen die eigentliche Intention in genau das verwandeln, was sie eigentlich anprangern wollten: Vorurteile und Klischees. Bis jetzt muss ich aber sagen, dass ich bezüglich #isjairre noch nichts in diesem Maß gelesen habe, ich bin vielmehr erschüttert und betroffen von vielen Geschichten und Vergangenheiten, die sich da auftun und ich bewundere den Mut all jener, die sich trauen, öffentlich dazu etwas zu sagen, während viele mit vielleicht einem ähnlichen Erlebnis aus Angst vor der Stigmatisierung vor allem im Berufsleben schweigen.

 

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