Monat: November 2013

[GR] The Witcher 2

The Witcher 2: Assassins of Kings (Enhanced Edition) – Review*

Ich habe es jetzt endlich im ersten Durchlauf durchgespielt und konnte mir von dem Spiel ein eingehendes Bild verschaffen. Und dieses Bild ist – wie es auch nicht anders zu erwarten war – fabelhaft. Als allererstes fiel mir natürlich die neue deutsche Synchronisation von Geralt auf, die mich von meinem Synchro-Patch-Trauma aus Teil 1 ein bisschen kuriert hat. Geralt klingt jetzt wie er klingen muss: männlich, gleichgültig (als Hexer ist er ja vermeintlich nicht fähig zu Emotionen) und volltönend. So muss der Mann meines Rollenspiel-Vertrauens auch klingen, soviel steht fest, und nicht, als würde er lustlos seine Zeilen zwischen ein paar Whiskey runter rattern.

Wunderschöne Landschaften voller verborgener Gefahren und Schätze warten an jeder Ecke

Die Grafik sieht wunderschön aus, auch wenn ich manche Szenen etwas überbelichtet fand. Das kann aber auch an meinen Einstellungen gelegen haben, ich bin jetzt nicht eine, die stundenlang an ihrer Grafik herum schraubt (außer es ruckelt). Satte Farben, wunderbar detailreich dargestellte Monster und Menschen, bei denen sich allerdings die Gesichtszüge einen Tick zu oft wiederholen. Aber das kennt man ja schon aus Skyrim und Co., ich finde nicht, dass man da sonstwas erwarten kann. Die zentralen Figuren haben ihr charakteristisches Gesicht und das reicht doch eigentlich aus, oder? Die Landschaften sind sehr gut und passend düster gestaltet, es geht durch dichte Wälder mit vernebelten Sümpfen, von Geistern heimgesuchte Schlachtfelder und brennende Dörfer, auch wenn ich mir ein wenig mehr Abwechslung gewünscht hätte. Man verbringt ja doch ziemlich viel Zeit in einem Bereich und ich wäre mit Geralt gern ein wenig mehr herum gereist, wenn ihr versteht, was ich meine.  Die sammelbaren Kräuter sind jetzt nicht mehr karge Büschel auf dem Rasen, sondern fügen sich toll in die Umgebung ein, ranken an Mauern oder Baumstämmen, oder sind in Felsspalten eingebettet. Warme Fackellichter erhellen die Tavernen, Spiele von Licht und Schatten sehen auch sehr authentisch aus.

Meine erste Wahl: der Elfenanführer Iorweth. Verbittert und voller Hass auf die Menschen führt er seine Bogenschützen gegen ihre Übermacht.

Die Spielwelt hätte ich mir, wie bereits gesagt, etwas umfangreicher gewünscht, im ersten Kapitel konnte ich diesen elenden Wald irgendwann nicht mehr sehn und die Zwergenstadt fand ich so unübersichtlich, dass ich mich dort ständig verlaufen habe. Trotzdem herrscht überall das blühende, digitale Leben, Händler tauschen untereinander die neuesten Gerüchte aus, Betrunkene torkeln aus den Tavernen und andere Bürger flanieren gemütlich durch die Straßen. Insgesamt fand ich die Anzahl der zu erringenden Liebschaften für den Hexer (wir erinnern uns an die netten „Sammelkarten“ 😀 ) ziemlich gestutzt, natürlich gilt es hier und da noch die eine oder andere dankbare Elfe aufzureißen, aber insgesamt ist der Hexer doch bodenständiger geworden, was in Relation zu den Büchern ja auch irgendwo Sinn macht. Überhaupt trifft man daraus viele alte Bekannte, sowohl Freund als auch Feind als auch irgendwas dazwischen, denn derartig feste Grenzen gibt es in der Welt des Hexers ja erfrischenderweise nicht. Referenzen zur Buchvorlage sind also allgegenwärtig, aber auch ohne Vorkenntnisse findet man sich schnell zurecht und hat Spaß an der Geschichte. Ich empfehle ja immer, wenn vorhanden, die Speicherstände aus dem Vorgänger zu importieren, da viele Entscheidungen daraus sich hier auswirken oder zu ihrem Ergebnis kommen können. Die Dialoge sind wie gewohnt scharfsinnig, voller spitzer und zynischer Rhetorik und teilweise herrlich unter der Gürtellinie. Hier handelt es sich eben nicht um Feen-und-Elfen-Fantasy, sondern um eine fantastische Welt, die dennoch realistisch ist. Und so kann es schon mal vorkommen, dass Geralt nach einem volltrunkenen Kneipen- und Bordellbesuch halb nackt mit einer neuen Tätowierung aufwacht (die ich übrigens bis Spielende nicht wegbekommen habe *hmpf*).

Hexer töten keine Drachen. Oder? Dieser hier ist ein besonders biestiges und nerviges Exemplar, der mir viele Kerben in den Zähnen durch Knirschen und Fluchen verpasst hat.

Das Wichtigste an den Witcher-Spielen ist aber nach wie vor die Story, die düster, voller überraschender Wendungen und politischer Ränkespiele ist, aus denen sich der sonst neutrale Hexer ja eigentlich raushalten will. Entscheidungen prägen den Spielverlauf, die über das gesamte, weitere Vorgehensweise entscheiden können, und es kam nicht selten vor, dass ich zirka eine Viertelstunde vor dem Dialogfenster saß und mich nicht entscheiden konnte. Folge ich den Menschen oder schlage ich mich auf die Seite der Elfenrebellen? Beide haben sowohl ihre guten als auch ihre schlechten Seiten, doch bei wem überwiegt was? Rette ich eine Schar gefangener Frauen oder doch lieber meine eigene Haut? Bedrohe ich oder schmeichle ich, um an die gewünschte Information zu kommen? All das wird den Spieler während dieses grandiosen Spiels bewegen und fesseln, auch wenn natürlich eine gehörige Keilerei mit Monstern aller Art und den Häschern, die uns auf den Fersen sind, nicht zu kurz kommt. Hier zeigt sich mal wieder Geralts Expertise mit dem Schwert und seine Bewegungen sind schön und flüssig anzuschauen. Ich werde The Witcher 2  in jedem Fall noch mehrmals durchspielen, um die vielen möglichen Enden und verschiedenen Wege nicht zu verpassen, bis endlich Teil 3 im nächsten Jahr erscheint. Bis dahin solltet ihr euch das Spiel schleunigst zulegen, wenn ihr wissen wollt, was es mit den mysteriösen Königsmördern, die einer geheimnisvollen Hexerloge angehören, und der Vergangenheit Geralts auf sich hat, die endlich wieder in sein Gedächtnis zurückzukehren scheint.

 

 

*Die Bilder, die hier verwendet wurden, stammen von der offiziellen Homepage.

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[Serie] Parade’s End – Der letzte Gentleman

 

Parade’s End – Der letzte Gentleman

Christopher Tietjens (Benedict Cumberbatch) ist ein Fossil: Ein Mann, der in einer Welt, in der Ehre, Anstand und Haltung (er nennt es auch oft „Parade“) nicht mehr viel wert sind und dem Menschen eher zum Nachteil gereichen, steht er stoisch und stur für diese veralteten Tugenden. So ist es für ihn nach einem kurzen Stelldichein mit der verführerischen, aber lasterhaften Sylvia (Rebecca Hall) selbstverständlich, diese zu heiraten, als sie schwanger ist. Dabei ist allerdings nie wirklich geklärt, wer der Vater des Kindes ist, doch Christopher kümmert das nicht. Als Nachkomme eines sehr alten Geschlechts besteht er auf die Traditionen und selbst als er seine Gemahlin offensichtlich bei ihren Seitensprüngen erwischt, lässt er sich nicht von ihr scheiden, um sie in der Gesellschaft nicht dem Hohn und Spott auszusetzen. Stattdessen bestraft er sie mit Missachtung, selbst als Sylvia sich für Jahre jeglicher Nähe zu einem Mann entsagt, um ihren hassgeliebten Gatten wieder zurück zu gewinnen.

Schließlich begegnet er der blutjungen Suffragette Valentine Wannop (Adelaide Clemens), einer eifrigen Frauenrechtlerin von niederem Stand, die ihn mit ihrer freimütigen Art verzaubert und aus seiner steifen Lethargie zu reißen scheint. Doch scheiden lassen kann Christopher sich nicht wegen seiner Prinzipien und so scheint ihm der Ausbruch des Ersten Weltkrieges in seinem Dilemma gerade recht zu kommen…

Diese sechsteilige BBC-Miniserie erzählt ihre Geschichte fern von Kostümfilmkitsch und flachen Seifenoperhandlungen, stattdessen wird anhand Christopher Tietjens der langsame Werteverfall und das Aufkommen einer neuen Zeit repräsentiert. Der hochintelligente Mann scheint in den meisten seiner Ansichten so weit in der Vergangenheit zu leben, ist den rechtlichen Neuerungen, wie bspw. dem aufkommenden Frauenwahlrecht, doch nicht verschlossen. In seiner Ehe gefangen meldet er sich geradezu fluchtartig für den Kriegsdienst, kann sich jedoch nie so ganz den Intrigen seiner Frau, verkörpert durch eine grandiose Rebecca Hall, und der lieblichen Valentine entziehen, der er über Jahre hinweg hinterher trauert, ohne dass je etwas zwischen den beiden passiert wäre, außer zweideutige, gefühlsschwangere Wortwechsel. Dabei zeigt Benedict Cumberbatch wieder einmal sein herausragendes Talent, dem besonders in diesen ruhigen Momenten die innere Zerrissenheit und das Hadern mit den eigens auferlegten Regeln ins Gesicht geschrieben stehen. Selten habe ich eine derartige Präsenz und Echtheit auf der Leinwand erlebt. Die Szenen an der Front sind kurz, aber eindringlich genug, um die Schrecken des Krieges zu repräsentieren, wobei es hier wenig um Effekthascherei geht, sondern mehr um das Schicksal sowohl der Menschen, die daheim geblieben sind, als auch jener, die an der Front allmählich ihren Verstand verlieren.

„Parade’s End“ ist ein gelungenes Spiegelbild einer Epoche, tiefromantisch, ohne zu schwülstig zu werden, feinsinnig und voller intelligenter Dialoge, bei denen man vor allem Sylvia gleichzeitig hassen und lieben muss. Selbstverständlich kommen die geheimen Affären und Skandale der Schönen und Reichen auch in dieser opulent ausgestatten Miniserie nicht zu kurz, dabei bleibt „Parade’s End“ aber stehts authentisch und geistreich, indem selbst diese kleinen Liebeleien zentrale, gesellschaftliche Probleme jener Zeit offenbaren. Und selbst wenn Kostüme und Kulissen altertümlich daher kommen, haben die Konflikte noch heute ihre Gültigkeit und sorgen dafür, dass jeder etwas findet, womit er sich identifizieren und deswegen mitfiebern kann. Ein wunderschön anzusehendes, mitreißendes Historiendrama mit einer Prise Herzschmerz, die wir alle hin und wieder gut gebrauchen können.