[Serie] Parade’s End – Der letzte Gentleman

 

Parade’s End – Der letzte Gentleman

Christopher Tietjens (Benedict Cumberbatch) ist ein Fossil: Ein Mann, der in einer Welt, in der Ehre, Anstand und Haltung (er nennt es auch oft „Parade“) nicht mehr viel wert sind und dem Menschen eher zum Nachteil gereichen, steht er stoisch und stur für diese veralteten Tugenden. So ist es für ihn nach einem kurzen Stelldichein mit der verführerischen, aber lasterhaften Sylvia (Rebecca Hall) selbstverständlich, diese zu heiraten, als sie schwanger ist. Dabei ist allerdings nie wirklich geklärt, wer der Vater des Kindes ist, doch Christopher kümmert das nicht. Als Nachkomme eines sehr alten Geschlechts besteht er auf die Traditionen und selbst als er seine Gemahlin offensichtlich bei ihren Seitensprüngen erwischt, lässt er sich nicht von ihr scheiden, um sie in der Gesellschaft nicht dem Hohn und Spott auszusetzen. Stattdessen bestraft er sie mit Missachtung, selbst als Sylvia sich für Jahre jeglicher Nähe zu einem Mann entsagt, um ihren hassgeliebten Gatten wieder zurück zu gewinnen.

Schließlich begegnet er der blutjungen Suffragette Valentine Wannop (Adelaide Clemens), einer eifrigen Frauenrechtlerin von niederem Stand, die ihn mit ihrer freimütigen Art verzaubert und aus seiner steifen Lethargie zu reißen scheint. Doch scheiden lassen kann Christopher sich nicht wegen seiner Prinzipien und so scheint ihm der Ausbruch des Ersten Weltkrieges in seinem Dilemma gerade recht zu kommen…

Diese sechsteilige BBC-Miniserie erzählt ihre Geschichte fern von Kostümfilmkitsch und flachen Seifenoperhandlungen, stattdessen wird anhand Christopher Tietjens der langsame Werteverfall und das Aufkommen einer neuen Zeit repräsentiert. Der hochintelligente Mann scheint in den meisten seiner Ansichten so weit in der Vergangenheit zu leben, ist den rechtlichen Neuerungen, wie bspw. dem aufkommenden Frauenwahlrecht, doch nicht verschlossen. In seiner Ehe gefangen meldet er sich geradezu fluchtartig für den Kriegsdienst, kann sich jedoch nie so ganz den Intrigen seiner Frau, verkörpert durch eine grandiose Rebecca Hall, und der lieblichen Valentine entziehen, der er über Jahre hinweg hinterher trauert, ohne dass je etwas zwischen den beiden passiert wäre, außer zweideutige, gefühlsschwangere Wortwechsel. Dabei zeigt Benedict Cumberbatch wieder einmal sein herausragendes Talent, dem besonders in diesen ruhigen Momenten die innere Zerrissenheit und das Hadern mit den eigens auferlegten Regeln ins Gesicht geschrieben stehen. Selten habe ich eine derartige Präsenz und Echtheit auf der Leinwand erlebt. Die Szenen an der Front sind kurz, aber eindringlich genug, um die Schrecken des Krieges zu repräsentieren, wobei es hier wenig um Effekthascherei geht, sondern mehr um das Schicksal sowohl der Menschen, die daheim geblieben sind, als auch jener, die an der Front allmählich ihren Verstand verlieren.

„Parade’s End“ ist ein gelungenes Spiegelbild einer Epoche, tiefromantisch, ohne zu schwülstig zu werden, feinsinnig und voller intelligenter Dialoge, bei denen man vor allem Sylvia gleichzeitig hassen und lieben muss. Selbstverständlich kommen die geheimen Affären und Skandale der Schönen und Reichen auch in dieser opulent ausgestatten Miniserie nicht zu kurz, dabei bleibt „Parade’s End“ aber stehts authentisch und geistreich, indem selbst diese kleinen Liebeleien zentrale, gesellschaftliche Probleme jener Zeit offenbaren. Und selbst wenn Kostüme und Kulissen altertümlich daher kommen, haben die Konflikte noch heute ihre Gültigkeit und sorgen dafür, dass jeder etwas findet, womit er sich identifizieren und deswegen mitfiebern kann. Ein wunderschön anzusehendes, mitreißendes Historiendrama mit einer Prise Herzschmerz, die wir alle hin und wieder gut gebrauchen können.

 

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4 Gedanken zu “[Serie] Parade’s End – Der letzte Gentleman

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