Verspätung.

Neulich.

Ich treffe eine Kollegin an meiner Haltestelle.

„Sind Sie gestern auch zu spät gekommen?“

„Gestern? Nein, da war ich im Seminar. Da war wohl wieder etwas mit dem Schienenersatzverkehr nicht ordentlich geplant?“

„Nee, da hat sich wohl einer auf die Gleise geschmissen. Da habe ich gleich an Sie gedacht, wo Sie doch auch immer die Strecke fahren.“

„Achso. Na da kann ich ja froh sein, dass ich gestern nicht gefahren bin. Bisher bin ich ja immer drumherum gekommen, dass da einer den Abflug macht. Ist eh immer mein persönlicher Horror, dass ich dann wegen sowas zu spät komme.“

Als Berufspendler hat man so einige Sorgen. Das geht bei dem morgendlichen Bei-welchem-Bäcker-hol-ich-mir-mein-Frühstück los und endet bei der Hoffnung, einen Sitzplatz in der restlos überfüllten Bahn zu ergattern, wenn man total geschafft den Heimweg antritt. Dann gibt es noch die betrunkenen Sitznachbarn, kreischende Kinder, pöbelnde Teenies, verdreckte Klos und falsch eingestellte Klimaanlagen. Oder gar nicht ANgestellte. Die mag ich bei kühlem, deutschem Regenwetter ja besonders.

Nicht, dass man mich falsch versteht, ich fahre gern mit der Bahn zur Arbeit. Wo sich andere auf der Autobahn herumquälen, kann ich bequem mit dem Laptop bereits erste Arbeiten erledigen, aus dem Fenster schauen und träumen, oder endlich mal in Ruhe ein Buch lesen. Entspannen. Abschalten. Den Ärger über Vorgesetzte, Kollegen und den ganzen Nervenmüll rauslassen.

Was die wundertolle Entspannung deutlich behindert, sind aber nicht nur lästige Mitfahrer und Exkrementgeruch, nein, Verspätungen machen eigentlich den ärgerlichsten Faktor für mich aus. Man will ja pünktlich ankommen und erst recht pünktlich heim kommen. Umso nervraubender ist es, wenn man sich am zugigen Gleis die Beine in den Bauch steht, die Minuten sich wie Kaugummi in die Länge ziehen, der Akku vom Smartphone leer und es zu kalt ist, das Buch im Stehen zu lesen. Dann verflucht man die technischen Störungen und natürlich auch die „Personenunfälle“, wie man es so schön nennt, die uns daran hindern, unsere Termine wahr zu nehmen. Wo Ersteres noch verständlichen Unmut auslöst, so sollte man doch bei Letzterem wenigstens ein bisschen betroffen sein. Doch irgendwie musste ich kürzlich feststellen, dass man Menschen, die so viel Schmerz und so viele Qualen in ihrem Leben empfinden, dass sie eben jenes beenden, meist nur noch mit einer „Störung“ gleich setzt, einem ungeliebten Faktor, der uns mal wieder warten lässt. Man ist genervt, weil man friert, sich langweilt, wichtige Besprechungen versäumt, während andere sich mit solch lästigen Tätigkeiten befassen, wie etwa die blutigen Überreste des Glücklosen von den Schienen zu kratzen. Man denkt nicht an den Lokführer, der nicht etwa ein scheues Reh auf die Motorhaube gebaggert hat, sondern einen Menschen hat sterben sehen. An die Angehörigen, an das besorgte Umfeld, oder einfach mal an den Menschen, der innerlich zu kaputt war, um diesen ganzen alltäglichen Wahnsinn weiter machen zu wollen. Weil, mal ganz ehrlich, wir haben doch eigene Sorgen!

Dass sich diese Vorfälle mittlerweile zur Normalität entwickelt haben, merken wir schon an unseren Reaktionen. Man zuckt mit den Achseln, schüttelt mit dem Kopf, wie man es vermutlich bei jedem x-beliebigem Bahnstreik tun würde. Dass ich erst in dieser Woche von zwei Vorfällen dieser Art in der Nähe meiner Fahrtstrecke gehört habe, und das noch vor dem beliebten Bungee-ohne-Seil-Monat November, gab mir erst im Nachhinein zu denken, als ich mich bei der allseits üblichen, abgestumpften Reaktion ertappt habe. Ein Mensch ist tot. Welch ein Ärgernis. Hoffentlich kriegen die den schnell von der Bahn runter, damit ich es noch rechtzeitig zu meinen nörgelnden Kollegen und dem cholerischen Chef schaffe. Menschen, die einen vermutlich selbst manchmal an den Rande des Synapsenknalls bringen. Und wenn man dann ein wenig durchdreht, hofft man schließlich auch auf ein wenig Empathie, bitteschön.

Aber gerade die scheint in der hektischen Arbeitswelt mehr und mehr verloren zu gehn. Und vielleicht sollte man sich fragen, ob die normalen, häufigen „Personenunfälle“ vielleicht eben doch nicht so normal sind. Und dass vielleicht manchmal ein klitzekleines „Geht es dir gut?“ dazu führt, dass man pünktlich und stressfrei auf Arbeit ankommt.

RUokday

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