Monat: Oktober 2014

Von Lichtern und hellen Leuchten

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In Leipzig findet seit geraumer Zeit jährlich das Lichtfest statt. Immer am 9. Oktober zum Gedenken der Friedlichen Revolution 1989. Während alle dieses Ereignis mit freudiger Erregung feiern, sehe ich das jedoch mit gemischten Gefühlen. Nicht wegen der historischen Bedeutung, denn die steht für mich außer Frage, selbst wenn ich mich ’89 eher mit der Konsistenz meines Babybreis beschäftigt habe als mit demonstrieren.

Es geht mir um die Aufmachung dieser ganzen Veranstaltung.

Zuallererst war das dieses Mal, zum 25. Jubiläum, mit den ganzen Menschenmassen noch schlechter gelöst als die Jahre davor. Der komplette Ring war mit der Bahn nicht mehr befahrbar, wenn man vom Hauptbahnhof zum Augustusplatz wollte, steckte man als ahnungslose Fußgängerin spätestens an der Nicolaikirche zwischen dicht an dicht gedrängten Menschenmassen fest und musste auf unzählie Füße treten, um nicht aus Versehen in eine Live-Übertragung des mdr zu stolpern.

Dann der Auftakt. Die Reden zur Eröffnung vor der Oper waren wirklich sehr schön (bis auf dieses „Helmut“ Gentscher Gerede. Peinlich, peinlich…), Einblendungen von Äußerungen von Zeitzeugen sorgten für das nötige Gänsehautgefühl, vor allem wohl bei den auch anwesenden Zeitzeugen.

Und hier liegt für mich auch der ganze Knackpunkt der ganzen Sache. Es wird ein Heidenaufwand veranstaltet, für Frieden plädiert und dass man aus der Geschichte lernen soll, aber ich möchte behaupten, ein Großteil der Anwesenden unter 30 hatten absolut keine Ahnung, wieso denn die Innenstadt nun so fürchterlich voll ist. Das kann man ihnen auch nicht zum Vorwurf machen, denn wer sich im Vorfeld nicht informiert oder eben generell ein größeres Geschichtsinteresse an den Tag legt, der hatte an diesem Tag schlechte Karten, etwas über die Friedliche Revolution zu lernen. Woher soll man wissen, was die überall projizierten Wasserfälle zu bedeuten haben? Etwa aus den Flyern, die eh kein Mensch liest? Und was bitteschön hatte dieser abgesperrte Bereich mit dem erleuchteten Rauch zu bedeuten – mal abgesehen davon, dass er dem Wilhelm-Leuschner-Platz das Ambiente aus The Walking Dead verliehen hat? Ich hätte es besser gefunden, wenn man vielleicht an den verschiedenen Punkten, wo es etwas zu sehen gab, Informationstafeln aufgestellt hätte – immerhin gibt es die ja in jedem x-beliebigen Museum auch. Sodass eine Wissensvermittlung wenigstens angeboten wird und sich nicht jeder wundert, wo denn die Bierzelte stehen, man dachte doch, das wäre ein Stadtfest! Ich finde nicht, dass man hier vor allem bei denen, die ’89 noch Quark im Schaufenster waren, erwarten sollte, dass sie wissen, wieso hier jedes Jahr so etwas veranstaltet wird, und es ist nicht nur Aufgabe der Schulen, hier ewige Vorarbeit zu leisten.

Zusätzlich war die Verteilung der Kerzen, was ja die eigentliche Symbolkraft des „Licht“festes ausmacht, ebenfalls viel zu wenig den anstürmenden Massen angepasst, sodass während des Zuges über den Ring nicht wirklich viele eine Kerze in den Händen hielten. So war zumindest mein Eindruck. Vielleicht wäre es in den nächsten Jahren angebracht, das Lichtfest nicht mehr nur für die Zeitzeugen einzurichten, sondern auch für diejenigen anzupassen, die damals nicht vor Ort mit dabei waren. Nur so kann gewährleistet werden, dass solche Veranstaltungen auch den bildenden Charakter bekommen, den sie haben sollten.

Das war mein Gemecker zum Sonntag. Ich verspreche, ich habe das Nerdtum nicht vergessen, aber manchmal ist auch mir einfach nach ein wenig Nörgelei zumute 😉

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Es war ja nicht alles schlecht…

Es ist eine Geschichte, wie man sie vermutlich nur aus Filmen vermuten würde. Eine Frau liebt einen Mann. Dieser Mann lebt im Ausland und in Zeiten, in denen soziale Netzwerke nur die Spinnerei eines Nerds in einem dunklen Keller sind, halten die beiden ihre zarte Liebe über Briefkontakt aufrecht. Es handelt sich hier nicht um eine flatterhafte Schwärmerei – nein, den beiden ist es ernst mit ihrer Beziehung. Die Frau möchte ihr Land verlassen und zu ihrem Liebsten ziehen, sodass einem gemeinsamen Leben endlich nichts mehr im Wege steht. Sie stellt daraufhin einen Antrag, ausreisen zu dürfen, denn in ihrer Heimat ist es nicht ohne Weiteres möglich, den Gefühlen über die Grenze hinweg zu folgen.

Die Behörden ihrer Heimat lesen den Antrag mit Argwohn, denn die Frau ist intelligent, hat einen guten Abschluss und einen einträglichen Beruf, welcher innerhalb der damals existierenden Gesellschaft durchaus angesehen ist. Es wäre ein Verlust, würde so ein tüchtiger Geist die eigenen Talente für ein anderes Land einsetzen. Also beschließen die Behörden, dass gegen die Beziehung der beiden etwas getan werden müsse. Sie beschließen, die Briefe abzufangen. Kurze Zeit später bekommt die Frau eine wieder einmal sehnlichst erwartete Antwort ihres Freundes. Doch der Inhalt des Briefes ist nicht wie erwartet. Er erklärt die Beziehung für beendet, er hätte jemanden kennengelernt und für sie beide würde es keine Zukunft mehr geben.

Der Ausreiseantrag wurde wenig später zurückgenommen.

Solche und ähnliche Geschichten waren keine Seltenheit in der Zeit vor 1989. Sie sind Zeugnisse eines Systems, das keine Abenteurer, keine Abweichler duldet. Ein System, das überwacht, spioniert, Freunde gegen Freunde aufhetzt, Familien auseinander bringt.

Es war ja nicht alles schlecht? Vielleicht nicht. Für die, die gern im warmen Wasser der DDR mitschwammen, war es das vermutlich wirklich nicht. Doch denke ich beispielsweise an meine Eltern, sehe ich, was dieser Staat wirklich mit den Menschen gemacht hat. Dass man als Tochter eines Pfarrers nicht studieren durfte. Dass man, wenn man sich offen gegen die Spionage und die Diktatur bekannte, Berufsaussichten entzogen bekam, die vorher zum Greifen nahe waren. Dass plötzlich vermeintliche Freunde merkwürdig neugierig und aufmerksam wurden. Dass Menschen, die dem einfach entkommen wollten, monate- bis jahrelanglang im Gefängnis saßen – unter Bedingungen, die mir nie wirklich bewusst gewesen sind.

Als ich kürzlich das Stasi-Museum in Leipzig besuchte, meinte unsere Führerin, dass man sich nur vorstellen müsse, was man damals mithilfe der heutigen technischen Möglichkeiten alles hätte anstellen können. Dann bräuchte man keine Geräte mehr, die Briefe schadensfrei öffnen können, keine ausgebildeten Leute, die Handschriften fälschen. Es wäre so einfach. Und es ist unsere Aufgabe, dass das vor allem den jüngeren Menschen bewusst gemacht, um vielleicht ein klein wenig der wiederkehrenden Wiederholung dieses Irrsinns entgegen zu wirken.

Und mal ganz abgesehen davon will ich auf meine Banane im Müsli auch einfach nicht mehr verzichten. Punkt.