Es war ja nicht alles schlecht…

Es ist eine Geschichte, wie man sie vermutlich nur aus Filmen vermuten würde. Eine Frau liebt einen Mann. Dieser Mann lebt im Ausland und in Zeiten, in denen soziale Netzwerke nur die Spinnerei eines Nerds in einem dunklen Keller sind, halten die beiden ihre zarte Liebe über Briefkontakt aufrecht. Es handelt sich hier nicht um eine flatterhafte Schwärmerei – nein, den beiden ist es ernst mit ihrer Beziehung. Die Frau möchte ihr Land verlassen und zu ihrem Liebsten ziehen, sodass einem gemeinsamen Leben endlich nichts mehr im Wege steht. Sie stellt daraufhin einen Antrag, ausreisen zu dürfen, denn in ihrer Heimat ist es nicht ohne Weiteres möglich, den Gefühlen über die Grenze hinweg zu folgen.

Die Behörden ihrer Heimat lesen den Antrag mit Argwohn, denn die Frau ist intelligent, hat einen guten Abschluss und einen einträglichen Beruf, welcher innerhalb der damals existierenden Gesellschaft durchaus angesehen ist. Es wäre ein Verlust, würde so ein tüchtiger Geist die eigenen Talente für ein anderes Land einsetzen. Also beschließen die Behörden, dass gegen die Beziehung der beiden etwas getan werden müsse. Sie beschließen, die Briefe abzufangen. Kurze Zeit später bekommt die Frau eine wieder einmal sehnlichst erwartete Antwort ihres Freundes. Doch der Inhalt des Briefes ist nicht wie erwartet. Er erklärt die Beziehung für beendet, er hätte jemanden kennengelernt und für sie beide würde es keine Zukunft mehr geben.

Der Ausreiseantrag wurde wenig später zurückgenommen.

Solche und ähnliche Geschichten waren keine Seltenheit in der Zeit vor 1989. Sie sind Zeugnisse eines Systems, das keine Abenteurer, keine Abweichler duldet. Ein System, das überwacht, spioniert, Freunde gegen Freunde aufhetzt, Familien auseinander bringt.

Es war ja nicht alles schlecht? Vielleicht nicht. Für die, die gern im warmen Wasser der DDR mitschwammen, war es das vermutlich wirklich nicht. Doch denke ich beispielsweise an meine Eltern, sehe ich, was dieser Staat wirklich mit den Menschen gemacht hat. Dass man als Tochter eines Pfarrers nicht studieren durfte. Dass man, wenn man sich offen gegen die Spionage und die Diktatur bekannte, Berufsaussichten entzogen bekam, die vorher zum Greifen nahe waren. Dass plötzlich vermeintliche Freunde merkwürdig neugierig und aufmerksam wurden. Dass Menschen, die dem einfach entkommen wollten, monate- bis jahrelanglang im Gefängnis saßen – unter Bedingungen, die mir nie wirklich bewusst gewesen sind.

Als ich kürzlich das Stasi-Museum in Leipzig besuchte, meinte unsere Führerin, dass man sich nur vorstellen müsse, was man damals mithilfe der heutigen technischen Möglichkeiten alles hätte anstellen können. Dann bräuchte man keine Geräte mehr, die Briefe schadensfrei öffnen können, keine ausgebildeten Leute, die Handschriften fälschen. Es wäre so einfach. Und es ist unsere Aufgabe, dass das vor allem den jüngeren Menschen bewusst gemacht, um vielleicht ein klein wenig der wiederkehrenden Wiederholung dieses Irrsinns entgegen zu wirken.

Und mal ganz abgesehen davon will ich auf meine Banane im Müsli auch einfach nicht mehr verzichten. Punkt.

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