Von Lichtern und hellen Leuchten

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In Leipzig findet seit geraumer Zeit jährlich das Lichtfest statt. Immer am 9. Oktober zum Gedenken der Friedlichen Revolution 1989. Während alle dieses Ereignis mit freudiger Erregung feiern, sehe ich das jedoch mit gemischten Gefühlen. Nicht wegen der historischen Bedeutung, denn die steht für mich außer Frage, selbst wenn ich mich ’89 eher mit der Konsistenz meines Babybreis beschäftigt habe als mit demonstrieren.

Es geht mir um die Aufmachung dieser ganzen Veranstaltung.

Zuallererst war das dieses Mal, zum 25. Jubiläum, mit den ganzen Menschenmassen noch schlechter gelöst als die Jahre davor. Der komplette Ring war mit der Bahn nicht mehr befahrbar, wenn man vom Hauptbahnhof zum Augustusplatz wollte, steckte man als ahnungslose Fußgängerin spätestens an der Nicolaikirche zwischen dicht an dicht gedrängten Menschenmassen fest und musste auf unzählie Füße treten, um nicht aus Versehen in eine Live-Übertragung des mdr zu stolpern.

Dann der Auftakt. Die Reden zur Eröffnung vor der Oper waren wirklich sehr schön (bis auf dieses „Helmut“ Gentscher Gerede. Peinlich, peinlich…), Einblendungen von Äußerungen von Zeitzeugen sorgten für das nötige Gänsehautgefühl, vor allem wohl bei den auch anwesenden Zeitzeugen.

Und hier liegt für mich auch der ganze Knackpunkt der ganzen Sache. Es wird ein Heidenaufwand veranstaltet, für Frieden plädiert und dass man aus der Geschichte lernen soll, aber ich möchte behaupten, ein Großteil der Anwesenden unter 30 hatten absolut keine Ahnung, wieso denn die Innenstadt nun so fürchterlich voll ist. Das kann man ihnen auch nicht zum Vorwurf machen, denn wer sich im Vorfeld nicht informiert oder eben generell ein größeres Geschichtsinteresse an den Tag legt, der hatte an diesem Tag schlechte Karten, etwas über die Friedliche Revolution zu lernen. Woher soll man wissen, was die überall projizierten Wasserfälle zu bedeuten haben? Etwa aus den Flyern, die eh kein Mensch liest? Und was bitteschön hatte dieser abgesperrte Bereich mit dem erleuchteten Rauch zu bedeuten – mal abgesehen davon, dass er dem Wilhelm-Leuschner-Platz das Ambiente aus The Walking Dead verliehen hat? Ich hätte es besser gefunden, wenn man vielleicht an den verschiedenen Punkten, wo es etwas zu sehen gab, Informationstafeln aufgestellt hätte – immerhin gibt es die ja in jedem x-beliebigen Museum auch. Sodass eine Wissensvermittlung wenigstens angeboten wird und sich nicht jeder wundert, wo denn die Bierzelte stehen, man dachte doch, das wäre ein Stadtfest! Ich finde nicht, dass man hier vor allem bei denen, die ’89 noch Quark im Schaufenster waren, erwarten sollte, dass sie wissen, wieso hier jedes Jahr so etwas veranstaltet wird, und es ist nicht nur Aufgabe der Schulen, hier ewige Vorarbeit zu leisten.

Zusätzlich war die Verteilung der Kerzen, was ja die eigentliche Symbolkraft des „Licht“festes ausmacht, ebenfalls viel zu wenig den anstürmenden Massen angepasst, sodass während des Zuges über den Ring nicht wirklich viele eine Kerze in den Händen hielten. So war zumindest mein Eindruck. Vielleicht wäre es in den nächsten Jahren angebracht, das Lichtfest nicht mehr nur für die Zeitzeugen einzurichten, sondern auch für diejenigen anzupassen, die damals nicht vor Ort mit dabei waren. Nur so kann gewährleistet werden, dass solche Veranstaltungen auch den bildenden Charakter bekommen, den sie haben sollten.

Das war mein Gemecker zum Sonntag. Ich verspreche, ich habe das Nerdtum nicht vergessen, aber manchmal ist auch mir einfach nach ein wenig Nörgelei zumute 😉

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4 Gedanken zu “Von Lichtern und hellen Leuchten

  1. Muss ich dir Recht geben. Mich stört an solchen Veranstaltungen immer, dass im Vorfeld absolut garnicht informiert wird. Weder warum, noch wo, noch OB sowas stattfindet. Oder verpasse ich das immer?

    Mit Menschenmassen kann in Deutschland übrigens niemand umgehen. Da sollte man sich mal (ausnahmsweise) ein Beispiel an den Russen nehmen, insbesondere was öffentlichen Personennahverkehr angeht sind die Spitze.

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  2. Stimme Madse zu. Ich hab es als Leipziger erst davon erfahren als es zu spät war. Naja wäre eh nicht hingegangen wie schon die Jahre zuvor. Ich war 89 live vor Ort und ich benötige eigentlich keine Auffrischung an damals. Sowas vergisst man nämlich nicht. 😉

    Außerdem hab ich es eh nicht so mit großen Menschenansammlungen. Mir graut es im Januar immer schon vor dem nächsten Weihnachtsmarktbesuch wenn ich über den Markt gehe. ^^

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    1. Ja der Weihnachtsmarkt ist vor allem an den Samstagen immer ein kleines Highlight…unter der Woche machts dagegen Spaß, aber da arbeitet man ja. Aber solange der Sachsenobst-Glühweinstand erreichbar ist, ist alles gut. 😉

      LG

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