Monat: September 2015

Eine Ode an das Gaming

Wenn ich sage, ich arbeite immer, dann mag sich das vielleicht übertrieben anhören, aber tatsächlich verging in den letzten Monaten kaum ein Tag, an dem ich nicht für mindestens 3 Stunden über meinen Aufgaben gesessen habe, Wochenenden mit eingerechnet. Komme ich nach Hause, ziehe ich die Jacke aus, renne durch meine Wohnung schnurstracks ins Arbeitszimmer, werfe den PC an und erledige alle möglichen Sachen. Am Wochenende arbeite ich für die Woche vor, weil ich täglich über 100km pendle und dadurch meist nicht alles schaffe. In meinem Auto stapeln sich Hörbücher, Energy Drinks und Schuhe und ich kenne meine Fahrstrecke meist so genau, dass ich sie auch mit verbundenen Augen zurücklegen könnte.

Nicht, dass man mich falsch versteht: ich liebe meinen Job. Auch wenn ich oft frustriert bin, wenn es mal nicht so läuft, weiß ich doch, dass ich in dieser Branche richtig bin und mich da auch gern weiter entwickeln würde. Aber besonders in der letzten Ausbildungsphase, wenn die 60-Stunden-Woche mich fast erdrückt hat und ich abends mit Aufgaben im Kopf ins Bett gegangen bin, fiel es schon schwer, die Kurve weg vom geistigen Totalschaden zu kriegen.

Mir ist bewusst, dass meine derzeitige Arbeitsweise auf lange Sicht sehr ungesund ist und ich vermutlich irgendwann endlich mal einfach Dinge nicht mehr so perfektionistisch angehen sollte. Aber festgefahrene Muster lassen sich eben nur schwer überbrücken.

Worauf will ich hier eigentlich hinaus? Tatsächlich halfen mir Freunde und Familie bisher immer, dass ich auch mal raus aus meinen vier Wänden kam und mich ins Stadtgetümmel stürzen konnte. Doch, so banal es klingt, insgesamt muss ich doch sagen, dass mich besonders meine Bücher und Computerspiele über besonders arbeitsintensive Phasen gerettet haben. Neben dem Sport waren es vor allem Games, die es endlich vermocht haben, dass ich keine Arbeitsaufträge oder die nächste Dienstberatung mehr im Kopf hatte. Sobald ich in der Geschichte drin war, war ich entspannt, der Kopf frei, die Sorgen endlich mal ganz woanders. Dann konnte ich unbekümmert auf meinem Stuhl herumlungern, Tee trinken, die Katzen auf dem Schoß haben und die Spielfiguren die Arbeit machen lassen. Mitfiebern, mitleiden, all das half, dass ich die Arbeit einmal vergessen konnte – etwas, was Unternehmungen bisher immer nur temporär schaffen.

Oute ich mich damit als stubenhockender Freak, der PC-Spiele dem wirklichen Leben vorzieht? Mitnichten. Ich gehe nach wie vor gern in Bars, Cafés oder auch mal tanzen, wenn die Kondition es zulässt (mit Ende 20 wird man erschreckend früh müde und manchmal frage ich mich, was mein 15jähriges Ich wohl dazu sagen würde). Ich mag Spaziergänge, die Natur und den Sommer, aber so richtig entspannt habe ich bisher wirklich immer vor dem PC. Mir ist erst in der letzten Zeit klar geworden, welchen Stellenwert Games dadurch in meinem Alltag einnehmen. Sie sind nicht nur ein stupider Zeitvertreib gegen die bohrende Langeweile, vielmehr sind sie mein Tor in einer andere Welt, wo ich meinen ganzen Frust und Ärger lassen kann, um dann am nächsten Tag wieder motivierter in mein winziges Auto zu steigen. Sie sind das Fenster zu großen Geschichten, die ich wie einen Schwamm aufsauge, sie sind die Muse für meine Kreativität und spornen mich an, die Welt vielleicht auch einmal aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Games haben mir gezeigt, dass man Kunst, Spiel, Kultur und Literatur in nur einem Medium vereinen kann, dass man lernen kann, ohne sich anzustrengen und dass man dadurch mit Leuten ins Gespräch kommt, die einen vermutlich sonst nie in ihren engeren Bekanntenkreis gelassen hätten. Nur diese Art der Weltenflucht bringt mich dazu, die Realität positiver aufzunehmen und ich glaube dies ist genau der Punkt, den viele Außenstehende nach wie vor nicht begreifen wollen. Ebenso wie durch ein gutes Buch kann ich durch ein gutes Spiel Aspekte der Handlung auf meinen eigenen Alltag übertragen und vielleicht, mit ein bisschen Einfühlungsvermögen, auch hinterfragen. Ich kann, nur durch die Bewunderung einer besonders gelungenen Grafik, die mühselige Arbeit anderer Leute erkennen, die so viel Herzblut in die Entwicklung gesteckt haben und dadurch vielleicht auch ein bisschen mehr Motivation für meine eigene Arbeit entwickeln. Und ich kann meinen ewig kreisenden Gedanken eine kleine Pause vom Hamsterrad des Alltags gönnen. Und dafür bin ich sehr dankbar.

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