[Schreibfragmente] Entscheidungen

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Als der Wind drehte, pochten die dicken Regentropfen an das Glas, als würden sie anklopfen wollen und um Einlass bitten. Ihr leises Pochen riss sie unvermittelt aus ihren Gedanken, wie sie da an diesem runden Tisch aus Mahagoniholz saß und gedankenverloren auf die kleine, ledergebundene Karte starrte, die ihr der Kellner hingelegt hatte. Das Lokal war fast leer, in einer Ecke saß ein junges Paar und hielt sich an den Händen, aus Lautsprechern an der Wand lief leise Musik. Draußen bot sich ein Blick auf eine belebte Straße, bunte Regenschirme drängten sich dicht an dicht, wie ein schillernder Regenbogen inmitten grauer, nasser Trostlosigkeit.

„Hi.“ Sie fuhr zusammen und hätte beinahe die Karte fallen lassen. „Schon gewählt?“

Der Kellner stand plötzlich dicht neben ihr und schaute auf sie hinab. Seine langen Finger waren verschränkt.

„Ich … äh“, stammelte sie und blickte fahrig in die Karte. Wie viele Geschmacksrichtungen konnte so ein Kaffee haben? Ihr Gestotter war ihr peinlich. „Ich hätte gern einen Kaffee?“

„Groß oder klein?“

„Groß, bitte.“

„Möchten Sie noch Aroma dazu?“

„Äh…ich weiß nicht…was haben Sie denn?“

„Weiße Schokolade, Karamell, Amaretto, Vanille, …“

„Karamell…glaube ich“, unterbrach sie ihn. Ihre Stimme klang gereizt. Das Letzte, was sie jetzt wollte, war noch eine Entscheidung treffen zu müssen. Eine ziemlich sinnlose noch dazu, wie sie fand. Je länger sie in diese Karte starrte, desto größer wurde ihre Verwirrung. Seit wann war Kaffee trinken so kompliziert geworden? Sie sah den Kellner an. Er war noch jung, etwa Anfang zwanzig und schlank, beinahe dünn. Ihr angespanntes Gesicht spiegelte sich im Schaufenster wieder, die getönten schwarzen Haare, die erste silberne Strähnen nur bedingt abdeckten, waren zu einem festen Pferdeschwanz gebunden.

„Sie glauben?“ Er grinste.

„Ich bin mir sicher“, log sie und er tippte die Bestellung in seinen kleinen Computer ein. Dann verschwand er hinter den Tresen. Sie sah auf ihr Smartphone, das nicht viel zu bieten hatte, außer nichtssagende Nachrichten, die sie nicht interessierten, Bilder von allzu perfekten Menschen oder Nachrichten, die meist nur Angst enthielten. Draußen regnete es noch immer. Manche Menschen warteten an der Kreuzung, verborgen unter ihren Schirmen oder Kapuzen, einige hatten die Schultern angesichts des ungemütlichen Wetters hochgezogen. Ob die wohl auch von den Nichtigkeiten des Alltags beinahe erdrückt wurden? Sie sah unter tropfenden Schirmrändern und Kapuzen lachende Gesichter, andere wiederum waren ernst, manche nachdenklich. Vermutlich brachte die es nicht so durcheinander, sich einen simplen Kaffee zu bestellen. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit waren sie auf dem Weg in ihre schicken Maisonettewohnungen, in denen gerade erst die Putzfrau das kaum zerkratzte Altbauparkett gebohnert hatte. Oder sie fuhren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Randgebiet in ihre kleinen Häuser, in denen das Feuer im Kamin prasselte und teure Töpfe an Haken über dem Induktionskochfeld hingen.

Sie selbst schaffte es ja nicht einmal, sich für einen verfluchten Kaffee zu entscheiden. Sie trank dieses Zeug eigentlich nur, weil man das als junge, berufstätige Frau eben so machte, wenn man „hip“ und „immer unter Strom“ sein wollte. Und das war ja erst der Anfang. Es ging weiter bei der Wahl ihres Studienplatzes. Solche Entscheidungen hatte sie bereits viermal getroffen und wieder verworfen. Zu einengend. Zu frei. Zu schlechte Zukunftschancen. Durch die Prüfungen gerasselt. Ihr jetziger Job war das Ergebnis zahlreicher umgeworfener Entscheidungen. Zähe Stunden voller Bildschirmflackern und künstlichen Nägeln auf der Tastatur. Sie zog ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen und wandte es von ihrem Spiegelbild im Schaufenster ab, das mehr und mehr mit den strömenden Passanten verschwamm, denen sie ein Bilderbuchleben nach dem anderen andichtete.

„Hier, bitteschön.“ Vor ihr stand nun eine makellos weiße Tasse mit ihrer Bestellung darin, der Milchschaum zu einer verschnörkelten Blume geformt. Sollte sie jetzt verzückt sein? Eigentlich war sie nur müde.

„Danke“, erwiderte sie knapp. Er nickte und wandte sich ab, doch sie hielt ihn zurück.

„Können Sie mir eine Frage beantworten?“ Was wollte sie überhaupt fragen? Schnappte sie jetzt über?

„Kennen Sie das Gefühl, dass jede Entscheidung, die sie treffen müssen, Sie von einer anderen Möglichkeit fernhält, die vielleicht doch so viel besser für Sie wäre?“

Er zog die Brauen nach oben.

„Dieses Gefühl ist wohl einer der Gründe, warum meine beste Freundin mich für beziehungsunfähig hält“, antwortete er leichthin. Sie sah ihn fragend an.

„Und tun Sie etwas, um das zu ändern?“

„Ich bin da nicht so der Grübler. Ich nehme die Dinge, wie sie kommen. Das Leben ist so voller Möglichkeiten und ich möchte irgendwann, wenn ich alt bin, nicht das Gefühl haben, tolle Erfahrungen verpasst zu haben.“

Mit diesen Worten ließ er sie zurück und schlenderte zu einem anderen Tisch, an dem ein weiterer Gast darauf wartete, seine Bestellung aufgeben zu können.

Wieder sah sie nach draußen. Es wurde langsam leerer auf den Straßen und der Regen wurde stärker. Wieso regnete es immer in solchen Geschichten? Sie fühlte sich, als würde sie auf ein zum Leben erwachtes Klischee starren, wie sie dort so saß, ihr Kaffee kalt wurde und draußen Menschen beobachtete, die sie aus unerfindlichen Gründen beneidete. Selbst den schlacksigen Kellner beneidete sie ob seiner Unbekümmertheit, obwohl sie wusste, dass die Naivität der Mittzwanziger auch von ihm irgendwann abfallen würde. Was dann wohl blieb? Im besten Fall die Erkenntnis, dass das Gras auf der anderen Seite des Zaunes bei näherem Hinsehen ebenso sonnenverbrannt und von Unkraut durchwachsen war, wie sein eigenes. Im schlimmsten Fall erwartete ihn die Leere, die ein ziellos umherirrendes Dasein mit sich brachte, in dem man sich auf nichts so wirklich einlassen wollte. Sie presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und starrte auf ihre Hände hinunter. Der filigrane Silberring war bereits angelaufen und hatte durch durchgängiges Tragen die eine oder andere Abnutzungsspur davon getragen. Er war eine ferne Erinnerung an einen Glanz, den wohl nur gutes Licht und der Reiz des Neuen beinhalten. Sie nahm ihr Smartphone zur Hand und wählte. Die Stimme am anderen Ende, die nach einigen Sekunden ertönte, klang fragend.

„Wenn ich dir sage, wo ich jetzt bin, können wir dann reden?“

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