Wenn einer eine Reise tut I: Reif für die Insel, oder: Schlange stehen für Fortgeschrittene

Wer schon einmal zu einer Pauschalreise einen Transfer dazu gebucht hat, wird wissen, dass es sich bei dieser Zusatzleistung um zwei Dinge handeln kann: Einmal kann das Wort „Leistung“ in diesem Kompositum bedeuten, dass man eben auch diese bekommt und sich sorgenfrei zum Hotel kutschieren lässt, sowie am Ende des Urlaubs schwelgend in Erinnerungen aus dem Fenster des Kleinbusses blickt, der einen zum Flughafen der Abreise bringt. Das Wort „Zusatz“ kann aber auch bedeuten, dass man hier nur zusätzlichen Stress bekommt, schon allein aus dem Grund, da An- und Abreisen ja immer etwas nervenaufreibend sind.

Nun, ersteres durfte ich noch nie erleben. Aber was mich auf Kreta erwartete, das nahm den Gipfel dessen an, was in meinem Gehirn in etwa eine Situation auslöst, die ein Kaninchen vor einem hungrigen Löwen empfinden muss (auch wenn beide sich aufgrund Fernbeziehung jetzt ja nicht oft sehen … Geographie … ach lassen wir das!).

Auf der Hinreise gestaltete sich ja bereits die Fahrt zum Flughafen etwas holprig, da die Bahn hier und da ein kleines, baustellenbedingtes Päuschen einzulegen pflegte. Schließlich, auf der Insel gelandet, sollte uns dann ein Reisebus ins etwa 1,5h-entfernte Plakias bringen, wo ich mich schon mit Cocktailschirmchen bewaffnet am Strand sah. Leider sollte der Bus, wie bei vielen Reiseveranstaltern üblich, auch andere Urlaubswillige in ihre Domizile bringen. Man stelle sich dieses Unterfangen ungefähr so vor, wie der Versuch, nach Weihnachten in eine Size Zero Jeans zu kommen. Nicht minder motiviert, aber ebenso angestrengt, fuhr nämlich unser Bus durch engste Bergdorfgassen, um hier und da hinter der nächsten Wegbiegung, die natürlich an irgendeiner halsbrecherischen, nicht abgesicherten Klippe lag, seine Innensassen abzuladen. Nicht selten vermutete ich die blanke Erleichterung, noch am Leben zu sein, in ihren Gesichtern, als sie fluchtartig zu ihren Hotelfoyers eilten. In meinem Gesicht stand jedoch indessen der kalte Schweiß, was mitnichten an den Temperaturen lag.

Irgendwann, wir waren zusammen mit einem anderen Paar die letzten Reisenden, hielt der Bus in der Stadt Rethymnon an. Mit einem, ich vermute, schadenfrohen Lächeln übergab der gute Mann uns dort einem Taxifahrer, der in gebrochenem Englisch erklärte, dass er uns jetzt weiter zu unserem Ziel fahren würde. (Ein Hoch auf unseren Busfahrer, Busfahrer, Busfahrer…) Also quetschten wir uns in das Gefährt und während unser zweiter Chauffeur halsbrecherisch durch eine steile Schlucht sauste (und sich, zu meiner Beruhigung, vor der ersten Kurve leidenschaftlich bekreuzigte, während der Kofferraum ob des Platzmangels offen stand und die Koffer mit Seilen befestigt waren), sinnierte ich bereits über meines Grabesinschrift nach. Als ich jedoch bei Sandra Bullock und Keeanu Reeves Vergleichen angekommen war, waren wir schließlich vor unserem Hotel angekommen.

 

Die Rückreise sollte das erste Abenteuer noch einmal überbieten, was man bereits bei der Startzeit (5:10 Uhr) hätte erahnen können. Wieder wurden wir im, diesmal noch dunklen, Rethymnon an der Straße ausgesetzt mit den Worten, der Bus käme in 15 bis 20 Minuten, um uns abzuholen. Schlecht gelaunt hockten wir also am Straßenrand und warteten. Letztendlich holte uns derselbe Nadelöhr-Fahrer vom Beginn wieder ab, doch ausnahmsweise gestaltete sich die weitere Reise nach Heraklion dann relativ ereignis- und klippenlos. Anders hingegen in Heraklion selbst, wo wir zunächst an einer schier endlosen Schlange auf das Erreichen unseres Check-In-Schalters warteten. Von dort schickte man uns samt Gepäck zur Kofferabgabe, die irgendwo zwischen anderen Check-In-Schaltern lag. Hier hieß es jetzt also: Finde deine Schlange, indem du dich durch andere Schlangen schlängelst. Oder: Fliege deinen X-Fighter durchs Asteroidenfeld! Am vermuteten Zielort teilte man uns dann aber mit, dass uns die falsche Schalter-Nummer gesagt worden wäre und wir woanders hin müssten. „Woanders“ hieß dieses Mal: Dahin, wo du hergekommen bist und noch ein Stück weiter. Neuer Schwierigkeitsgrad: Nightmare!

Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Rings um mich herum schob und drängelte es, diverse Gerüche verschiedenster Couleur strömten auf mich ein, während sich unsere Schlange irgendwann in eine sechsspurige Autobahn verwandelte, auf der es sich wegen einer Totalsperrung auf unbestimmte Zeit hin staute. Und überall da, wo Menschen unter Zeitdruck und Platzmangel aufeinander treffen, entwickeln sich ja bekanntermaßen psychothrillermäßige Szenarien. Besonders ein dem Hopfen augenscheinlich stark zugetaner Mann, der mir beständig drei Koffer auf einmal in die Hacken schob, ist mir in liebevoller Erinnerung geblieben. Meine aufkeimende soziale Vermittlungskompetenz ließ ich dann an einer Familie aus, die sich zeitgleich von der anderen Seite in meine Reihe schob und dabei die etwa vierjährige Tochter mit ihrem Köfferlein vorschickte – wohl in der Hoffnung, dass man so ein niedliches kleines Ding doch vorlassen würde. Ach und wenn man schon einmal dabei ist, die ganze liebreizende Sippschaft gleich mit.

Nach diesem Spektakel menschlicher Abgründe mussten wir nun zum Sicherheitscheck, damit auch geprüft werden konnte, dass mir das Messer in der Tasche hoffentlich nur metaphorisch aufgegangen war. Mittlerweile wurde auch schon unser Flug aufgerufen. Habe ich schon erwähnt, dass mich Zeitdruck in eine blonde Version eines angenervten Klaus Kinski verwandelt? Nein? Nun, der Vergleich sollte bildhaft genug sein. Zwar erreichten wir den Flieger noch rechtzeitig, dafür kam dann aber das Gepäck in München knapp eine Stunde zu spät. Es folgte eine verpasste S-Bahn, eine Bahnfahrt, die sich um 2 Stunden verlängern sollte und am Ende die fettigste und schärfste Pizza meines Lebens, um die Trauer über neu entstandene Zornesfalten zu kompensieren. Ich verstehe nun sehr gut, wie sich die beiden gefühlt haben mussten.

Ach ja, Kreta war übrigens auch ganz nett! 😉

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Ausblicke, die jeden Frust vergessen lassen…

 

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2 Gedanken zu “Wenn einer eine Reise tut I: Reif für die Insel, oder: Schlange stehen für Fortgeschrittene

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