Vom Schreiben…

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Wenn ich schreibe, dann reise ich. Meist reise ich genau dorthin, wo mir niemand folgen kann. An einen Ort, wo der Straßenlärm kein beunruhigendes Pfeifen in meinen Ohren nachhallen lässt und wo es keine Hektik und keine Termine gibt. Dort gibt es nur mich, allein mit meinen Gedanken und Ideen, mit den Abenteuern, die ich erlebe und die ich selbst gestalten kann. Manchmal entwickeln diese Abenteuer ein Eigenleben, brechen aus den von mir auferlegten Schranken aus und tragen mich ein Stück weiter, noch bevor meine flinken Finger auf den bereits abgenutzten Tasten der Tastatur hinterher kommen. Doch ich mache mir deswegen nie Sorgen, denn ich weiß, dass man auf mich warten wird, dass es nie lange dauert, bis ich das Tau wieder in den Händen halte, was mich mit diesem Ort der Ruhe verbindet.

Versteht mich nicht falsch: Ruhe meint an dieser Stelle nicht jene Ruhe, die eintritt, wenn man alle Fenster geschlossen hat oder wenn in der kleinen Wohnsiedlung bereits jeder schlafen gegangen und niemand mehr auf der Straße ist. Oft herrscht an meinem Ort sogar richtiges Chaos, es gibt Streit, Kämpfe, sich Bahn brechende Emotionen, Rauch und Ruß und Feuer überall. Doch all dies ist trotzdem ruhiger als jene Stille, die man am Essenstisch hat, wenn das Wetter jetzt nun auch nicht mehr das spannendste Thema ist oder wenn Reden nur wieder mit Schmerzen verbunden wäre und man deswegen lieber schweigt. Oder die Stille, wenn man leise an seinem Arbeitsplatz sitzt und die Musik ausmachen musste, da man sich sonst nicht auf die Aufgabe konzentrieren kann. Es ist in etwa mit jener Stille vergleichbar, die ich erlebe, wenn ich durch den Wald gehe und bereits den Teil erreicht habe, an dem die rauschenden Töne der fernen Autos nicht mehr durch Dickicht und Baumstämme hindurch an mein Ohr dringen können. Oder wenn die Katze sich auf meinen Schoß legt und ihr Schnurren zu einem stummen Vibrieren verklungen ist, was auf mich ungefähr dieselbe Wirkung hat wie Valium. Nicht, dass ich Valium je probiert hätte, aber wenn ich den Vergleich dann doch lieber mit polnischem Wodka ziehe, klingt das nach Alkoholproblem und weniger nach einem Text über die Liebe zum Schreiben und darum geht es hier doch!

Nachdem wir uns dann jetzt alle etwas Hochprozentiges aus dem Gefrierfach genommen haben, kommen wir zum Schreiben zurück. Schreiben reinigt. Meinen Kopf, meinen Geist, meinen Körper, der meist ganz erschöpft ist von den vielen impulsiven Emotionen, die vorzugsweise am Steuer ausbrechen, wenn ein Mann mit Hut vor mit 49km/h fährt, es doch aber innerorts 50km/h erlaubt sind, was heißt, dass man doch dann locker 65 fahren kann. Völlig logisch, oder? Das habe ich dem Mann auch gesagt, aber mittlerweile weiß ich, dass man dabei das Fenster geschlossen halten und dankbar über die Frontscheibe sein sollte, die meinen feurigen Atem nicht in die Nähe des vermutlich leicht entzündlichen Hutes bringt. Ich stelle mir vor, dass Filz vermutlich sehr schnell entflammbar ist. Mindestens so leicht entzündlich wie mein Gemüt, dass irgendwie nur dann Kühlung erfährt, wenn es völlig eintaucht in die Geschehnisse, die da durch die eigenen Hände auf den Bildschirm fließen. Die mit Worten jonglieren und spielen, bis daraus etwas wird, was am Ehesten den eigenen Gedanken entspricht. Es ist wie zeichnen, nur mit Buchstaben, mit den kleinen Dingern, von denen Saussure gesagt hat, dass sie völlig willkürlich einer Idee zugeordnet werden, und dass wir diese Zeichen nur verstehen können, weil eine unbestimmte Mehrheit sich im Laufe einer Geschichte darauf geeinigt hat. Die Konvention erlaubt mir also, Dinge zu schreiben, die vermutlich außerhalb der Konvention meines Umfelds liegen. Ereignisse, die mindestens ebenso arbiträr sind wie die Zeichen, denen diese Ereignisse zugeordnet sind, und alles verbindet sich am Ende zu einem Konstrukt, was Bilder entstehen lässt und das nur in meinem Kopf. Dem Ding, was den ganzen Tag so zugemüllt wird mit unnützem Zeug, mit Ärger, mit Angst, mit Wut über kleine und große Dinge, mit Zweifeln bezüglich der neuen Falten oder der tiefen Augenringe oder wegen einer Situation, die mannew-york-1399404_1280 wieder und wieder durchkaut, weil man sich doch lieber so oder so verhalten hätte. Schreiben kotzt alle diese großen und kleinen Dämonen einfach aus und macht Platz für Geschichten, die inspirieren, die mich tragen in den nächsten und übernächsten Tag.

Schreiben ist Magie. Ist eine Zauberei, die Ketten sprengen, Weisheit vermitteln, Schicksale verarbeiten kann. Schreiben lässt mich die Welt durch ein fantastisches Fenster sehen, durch einen dieser dubiosen Instagram-Filter, die alles weicher, besser, schöner machen. Ein schöner Schein, der die eigenen Erlebnisse ein wenig aufhübscht, manchmal bis ins Unkenntliche verzerrt, sodass du nie genau weißt, was davon wahr ist und was ich als Filter darüber gelegt habe.

Und auch wenn diese Zauberei zum größten Teil im Verborgenen, in meinem eigenen kleinen Magielabor stattfindet, so ist das nicht schlimm. Denn hin und wieder dringt etwas von dem Feenstaub nach außen. Und manchmal erreicht er dann auch jene, die für den Zauber empfänglich sind.

 

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5 Gedanken zu “Vom Schreiben…

    1. Ich zitiere an dieser Stelle mal mich selbst: „Ein schöner Schein, der die eigenen Erlebnisse ein wenig aufhübscht, manchmal bis ins Unkenntliche verzerrt, sodass du nie genau weißt, was davon wahr ist und was ich als Filter darüber gelegt habe.“ 😉

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