Die Kunst, mit sich allein zu sein.

Sie schlendert durch die uralten Hallen der Burg. Um sie herum hört sie nichts als das Schlurfen der Schritte der vereinzelten Anwesenden, die ebenfalls andächtig durch den Saal schreiten und Relikte längst vergangener Zeiten auf sich wirken lassen. Es ist kühl, aber nicht kalt und durch die hohen Fenster dringt das fahle Licht der nebelumwölkten Herbstsonne. Sie wandert vorbei an den Herrscherbildnissen der Wettiner, an gezeichneten Hochzeitszeremonien und Abbildungen epischer Schlachten. Sie lernt, warum Porzellan das weiße Gold Sachsens war und wie August der Starke einen aufstrebenden Alchemisten einkerkerte, um an das Geheimnis eben jenes Goldes zu gelangen. Draußen stürmt und regnet es, zischend fährt der Herbststurm über den Burgberg und zerstört ihre morgendlichen Bemühungen, aus den Haaren eine halbwegs annehmbare Frisur zu machen, nachdem sie die ehrwürdige Burg verlassen hatte. Wann war es das letzte Mal her, dass sie sich völlig für sich eine Ausstellung angeschaut hatte? Dass sie einfach losging, sich eine Karte kaufte und etwas auf eigene Faust erkundete, einfach weil die Gelegenheit günstiger nicht sein konnte?

Unten in der Altstadt betritt sie kleine Lädchen, wo es handgemachte Dekorationsartikel gibt und lässt sich von einem Weinverkäufer in seinem Laden beraten, da sie nicht mit leeren Händen am morgigen Tag nach Hause zurückkehren möchte. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, die volle Aufmerksamkeit des Verkäufers zu bekommen, denn schließlich ist sie ohne Begleitung und der Laden beinahe erdrückend klein und vollgestopft bis an die Decke. Ein Gang ins Museum steht noch an, welches in einem ehemaligen Franziskanerkloster eingerichtet worden ist. Im Kreuzgang betrachtet sie gedankenverloren bereits schwarz verfärbte Grabinschriften mir unbekannter Menschen, deren Leben so unendlich weit entfernt zu liegen scheint. Die Gesänge eines Männerchors hallen derweil durch die Mauern und draußen prasselt der Regen auf die Ziegel.

Es sind magische Momente, die sie hier erlebt. Momente des Innehaltens und der Besinnung, Momente, in denen sie ihrem eigenen Abenteuerdrang folgt, ohne sich nach einer Begleitung richten zu müssen. Dabei hat sie früh gelernt, die hochgezogenen Brauen und die schiefen Blicke zu ignorieren, die sie bei solchen Gelegenheiten oft bekommt. Von Abkapselung ist hier die Rede und es sind solche Äußerungen, die ihr das Gefühl geben, ein bisschen verschroben und anders zu sein, weil sie die Einsamkeit einer geselligen Runde im Ratskeller vorzieht. Anfangs quälte sie in jenen Momenten das schlechte Gewissen. Sie müsste doch soziale Kontakte aufrecht erhalten, muss sich doch eloquent, witzig und charmant in die Gespräche einklinken (was sie gut kann, wenn sie das will) und nicht so allein abends auf ihrem Zimmer sitzen, während die Kollegen nach einem langen Tag voller Workshops und Seminare noch rege das Erlebte auswerten und Berufserfahrungen austauschen. Sie weiß sogar, dass sie Spaß daran hätte, sich zu beteiligen, bei einem Glas Rotwein dabei zu sitzen und das zu tun, was gesellschaftlich von ihr erwartet wird. Doch ebenso befreiend empfindet sie die Ruhe rings um sich herum, wenn sie nach einem solcher Tage die Tür hinter sich schließt und sich Stille auf ihre Umgebung legt, die nur vom Rascheln der umgeblätterten Buchseite unterbrochen wird. Kein lärmender Geräuschpegel, kein Scharren zurückgeschobener Stühle oder das leise Sirren des Beamers. Keine Erwartungen, sich mit aktuell relevanten Themen auseinander zu setzen und kein Zwang, das Für und Wider eines Sachverhalts in wissenschaftlich adäquater Weise zu beleuchten. Schon allein der Gedanke, nach einem Tag des Austauschs, bei dem jede ihrer Synapsen bis aufs Äußerste beansprucht wird, diese nun noch in einer weiteren Runde zu malträtieren, sich aufs Neue auf Themen einzulassen und zu hinterfragen, verursacht in ihr ein lähmendes Gefühl der Erschöpfung. Wie machen andere Menschen das? Tag für Tag von früh bis spät andere um sich zu haben, um sich haben zu wollen, ohne dabei nicht irgendwann schon allein aus Protest gegen diesen Gesellschaftsdruck vollends zu verstummen? Oder ist im Endeffekt wirklich sie es, die hier ungesellig das Exil sucht und damit ihre Mitmenschen vor den Kopf stößt?

Jetzt ist sie nur für sich, tut das, was sie möchte, allein mit ihren eigenen Gedanken, die sich durchaus auch mal langweilen können. Doch war es nicht eben jene Langeweile, die sie so vermisste? Zuhause, im hektischen Alltag, wo eine Pflicht nach der anderen ansteht, und wo kaum Luft bleibt, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen geschweige denn ihnen nachzugehen?

Nichtsdestotrotz liebt sie ihre Freunde und ihre Familie. Nichts läge ihr ferner, als sich gesellige Abende, lustige und anregende Gespräche wegzudenken oder ein Leben ganz allein zu wünschen, ohne Austausch und geistige Anregung. Doch schnell lernte sie, dass es vor allem die Momente des Alleinseins waren, die ihr die nötige Kraft und Motivation gaben, wieder aktiv am Leben da draußen teilzunehmen. Die ihr das vor Augen führten, was wichtig war und was nicht, und die Resignation und Erschöpfung verscheuchten, welche dafür gesorgt hatten, dass sie sich fühlte wie eine von Zahnrädern angetriebene Maschine. Vielleicht war sie manchmal wirklich, zumindest von außen betrachtet, ein wenig eigenbrötlerisch. Dieser kleine Hang zu Weltenflucht, den sie vor allem allein für sich genoss, konnte einfach nicht verleugnet werden. Doch jedes Mal, wenn sie ihre selbst gewählte Klause, die sich in vielerlei Gestalt manifestieren kann, hinterfragt, will es sich einfach nicht falsch anfühlen. Vielleicht, weil es das eben nicht ist.

Vor der Tür auf dem Gang hört sie die Menschen, welche von ihrem abendlichen Treffen heimkehren, lärmend, lachend, gut gelaunt. Mit Sicherheit ist sie bald wieder mit dabei. Sitzt in der Gruppe, lacht, erzählt, gestikuliert. Irgendwann. Wenn der Tag vorher nicht bereits aus stundenlangen, fachlichen Diskussionen bestand. Und wenn die Welt ihres Buches sie loslässt.. Sofern sie selbst dies zulässt.

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2 Gedanken zu “Die Kunst, mit sich allein zu sein.

  1. „Doch jedes Mal, wenn sie ihre selbst gewählte Klause, die sich in vielerlei Gestalt manifestieren kann, hinterfragt, will es sich einfach nicht falsch anfühlen. Vielleicht, weil es das eben nicht ist.“
    Hach! Wirklich wundervoll beschrieben hast du das Dilemma. Und dann steht der Winter vor der Tür…Schneckenhauszeit.

    Gefällt 1 Person

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