Mit der Zeit gehen

Eine Sache, die mir beim Schreiben nie so wirklich in den Sinn gekommen ist und auf die ich auch nie sonderlich großen Wert gelegt habe, war die genaue Zeitrechnung meines Settings. In all meinen Schreibversuchen war meist irgendeine Jahreszeit, das Geschehen ereignete sich an irgendeinem bedeutungslosen Tag und ansonsten setzte ich einfach voraus, dass alles so zu sein hat, wie wir normale Erdenbürger das kennen. Irgendwann fiel mir jedoch auf, dass ich ziemlich schnell mit der stereotypen Zeitrechnung nicht zufrieden war. „An einem Montag im Januar bereiste XY die magische Insel Z und focht dort eine epische Schlacht gegen möglichst fantasievoll ausgestaltete Monstren…“ – dies wollte nicht so ganz in meine Vorstellung einer gut ausgearbeiteten und tiefgründigen Welt passen. Eine eigene Zeitrechnung, speziell auf meinen Roman zugeschnitten, musste her. Stellte ich mir dieses Unterfangen zu Beginn noch recht einfach vor, saß ich nur wenige Minuten später knobelnd über meinem weißen Blatt und erörterte Fragen, die sich damit beschäftigten, wie viele Monate das Jahr haben sollte und wie viele Tage ein Monat. Da ich mich nicht am Christentum orientieren wollte, fand ich zudem die bekannten Tagesbezeichnungen unpassend. Sie einfach umzubenennen war aber ebenso schwierig, denn meist heißt so ein Tag oder Monat ja nicht umsonst eben genau so. Oft steckt ein alter Brauch dahinter, ein Mythos, den eine neue Religion für sich umgedichtet hat. Die genaue Tagesanzahl einer Woche fußt zudem bisweilen auf einem kulturell-religiösen Hintergrund und schon sah ich mich vor der Aufgabe, mir schnell mal eine ganz neue Mythologie aus dem Allerwertesten zu zaubern. gothic-2910057_1280

Dies fiel mir erstaunlich leicht, wohingegen es mir umso schwerer dabei erging, eine logische Ableitung daraus für meine Zeitrechnung zu finden. Nach wem oder was sollte ich den ersten Wochentag benennen und wieso ausgerechnet so und nicht anders? Vielleicht hat das was mit einem bestimmten Ereignis zu tun, worauf sich ein ganzer Kreis von Erzählungen beruft, die ich ja dann auch wenigstens ungefähr kennen sollte. Und die Monate! Gibt es in meiner Welt auch zwölf oder weniger? Das hätte ja dann wiederum etwas mit den Eigenschaften meines schriftstellerischen Heimatplanetens zu tun und wenn der auch noch zwei Sonnen hätte anstelle einer … irgendwann drehte sich der Schneebesen in meinem Kopf und verwandelte mein Hirn in frisch aufgeschlagene Sahne. Nie hätte ich erwartet, dass die Zeit ein derart komplexes Thema sein kann, wenn man eben diesen Anspruch stellt und es sich nicht gerade um das Ausrechnen der verbleibenden Schlafstunden bis zum Weckerklingeln handelt (das Ergebnis lautet ohnehin zumeist: zu wenig! oder in meinem Fall: Jetzt kannst du auch gleich wach bleiben!).

Am Ende entschied ich mich, so hoffe ich zumindest, für einen Mittelweg. Andere Zeitrechnung: sehr gern! Von mir aus gibt es auch eine andere Anzahl von nötigen Monaten, um ein Jahr vollzukriegen, aber spätestens bei der Minutenanzahl für eine Stunde oder etwaig veränderten Jahreszeiten sagte ich mir schließlich, dass ich es ja auch nicht übertreiben müsste (Stichwort: Perfektionismus zügeln!). Vermutlich habe ich es mir erneut viel zu kompliziert gemacht, doch am Ende bin ich schon ein wenig stolz auf mein Ergebnis und überlege schon, richtige Redewendungen in den Sprachgebrauch meiner Figuren einzuführen. Das alltägliche „Gott sei Dank“ greift ja nun auch nicht mehr wirklich, wenn ich konsequent bleiben will … 😉

 

(Eben beim Schreiben fiel mir auf, dass ich ja dann eigentlich noch neue Feiertage und so weiter bräuchte. Dies überlasse ich aber dem spontanen Schreibfluss und füge es gegebenenfalls noch meinem jetzt erstellten Gerüst hinzu…)

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2 Gedanken zu “Mit der Zeit gehen

  1. Ja, das Problem hat man schneller, als man denkt. 😀
    Ich find die Namensfindung generell immer sehr schwer, bei den Wochentagen aber ist es wie du richtig schreibst, noch ne Ecke kniffliger, weil so viel dahinter steckt. Aber auch die Anzahl an Tagen für Monat und Jahr sind nicht ohne, denn dann muss man wirklich Buch führen über die vergangene Zeit je Handlungsstrang.
    Außerdem beeinflusst das ja mitunter auch weitere Dinge, wenn man anfängt, ein eigenes Unviersum zu basteln, wo sich verschiedene Welten befinden und auch begegnen. Wenn auf Planet A ein Jahr 250 Tage a 20 Stunden hat, auf Planet B aber 300 Tage zu 28 Stunden, wie schauen die Leute dann füreinander aus, jung, alt, mittel? ^^‘

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