Hilfe, der Öko hat mich!

So reißerisch der Titel doch klingt, genau dies war der Satz, der mir in den letzten Wochen und Monaten im Kopf herumspukte. Immer, wenn ich mich mal wieder über die vielen Plastikverpackungen ärgerte, die ich nach dem Wocheneinkauf wegwarf, oder wenn ich angesichts der vielen chemischen, unlesbaren Inhaltsstoffe in meinen Kosmetikprodukten die Nase rümpfte. Habe ich früher solche Anwandlungen noch mit dem genervten Augenrollen eines Standpauke ertragenden Teenagers abgetan, so sehe ich mich doch jetzt vermehrt selbst mit erhobenem Zeigefinger über Tierversuche und verschmutzte Meere referieren. Was ist nur los mit mir? Wieso interessiert es mich plötzlich, ob das Schwein in meinem Burger ein glückliches Ferkelchen war oder welcher Asiate sich an meiner Stonewashed-Jeans die Finger blutig schrubben musste? Erstens schmeckts doch auch so und zweitens sieht’s immerhin schick aus und war bezahlbar! Oder etwa nicht?

Dieser zunehmend schleichende Prozess des Hinterfragens stellte sich erstmals ein, als ich in meiner Arbeit das Thema Fair Fashion in der größeren Einheit mit dem Oberthema Globalisierung behandelte. Ich recherchierte dazu Materialien, sah mir einige Dokus an und schaute am Ende etwas betreten in meinen Kleiderschrank. Konnte ich dies nach der Unterrichtssequenz noch gekonnt verdrängen (spätestens, als ich das Kleid aus fairer Bio-Baumwollte, was mich ein halbes Monatsgehalt gekostet hätte, seufzend wieder an die Stange hängte, war das Thema für mich erledigt), so ging es mit dem nächsten Thema, mit dem ich mich quasi selbst indoktrinierte, weiter: Plastik! Ziel war es, meinen Schülern das Plastikmüllproblem begreiflich zu machen und sie zu einem bewussteren Umgang, wenigstens zu einem Hinterfragen des eigenen Kauf- und vor allem Wegwerfverhaltens anzuregen. Wie das bei Teenagern eben so ist, weiß man aber nie, ob das Gesagte auch in den Bereich hinter den gelangweilten Augäpfeln durchdringt, stattdessen erwischte ich mich just nach meiner Stunde zum Thema Plastic Planet (passend zur gleichnamigen Doku, die ich übrigens sehr empfehlen kann) selbst dabei, wie ich im Supermarkt grummelnd über dem abgepackten Hackfleisch stand und mich darüber schwarz ärgerte, dass die kleineren Packungen im Gesamten billiger waren, als die große 1kg-Packung. Wie nachhaltig war das denn bitteschön, wenn ich für mehr Müll letztendlich weniger bezahlte? Beschämt legte ich, von Haus aus ein Geizknochen, drei kleine 300g-Packungen Hackfleisch in den Korb, teils wütend über mein eigenes eher wenig ökologisches Kaufverhalten und teils frustriert über die neuen Mengen an Kunststoff, die sich nun in meinem heimischen Mülleimer ansammelten. Zudem sollte an dieser Stelle bedacht werden, dass wir ja nicht nur Unmengen an Kunststoffverpackungen wegwerfen, sondern die Stoffe, welche solche Materialien absondern, auch noch in den Körper gelangen können und dort mit unseren Hormonen Ringelpietz mit Anfassen spielen. Albatross_at_Midway_Atoll_Refuge_(8080507529)

Da seht ihr, ich habe es schon wieder getan!

Es ist wie ein Samen, den ich mir mit meiner eigenen Arbeit selbst ins Gehirn eingepflanzt habe, und der sich jetzt wie Efeu in meinem Hirn ausbreitet und überall Nachhaltigkeitssünden sieht. Da sind meine mit Sicherheit unter menschenunwürdigsten Bedingungen hergestellten Socken, meine mit Mikroplastik verseuchten Kosmetika (was ich, wie ich jetzt gelernt habe, irgendwann wieder mit meinem heißgeliebten Seelachs auf dem Teller habe, wenn es ganz ungünstig für mich läuft), die eingeschweißten Avocados, die günstiger sind, als die unverpackten, und mein wunderbar zubereitetes Schweinefilet, bei dem ich nicht weiß, ob das an seiner Herstellung beteiligte Tier bei, nun ja, seiner eigenen Verarbeitung noch bei Bewusstsein war oder nicht.

Das hat man nun von der Bildung, am Ende gewährt sie einem Einsichten, um die man nicht gebeten hat! Ich fühlte mich wesentlich frustfreier, als ich mich noch nicht um ethisch vertretbare Konsumthemen sorgen musste. Ich habe mir diesen Infekt namens Aufklärung sozusagen selbst zuzuschreiben, als ich die Inhalte für meine Arbeit auswählte. Ganz ohne es zu merken, habe ich mich quasi selbst unterrichtet. Wäre ich einer dieser ewigen Optimisten, ich könnte es mir immerhin damit schönreden, dass am Ende wenigstens einer der Anwesenden etwas dazu gelernt hat. Wenn ich mich in mein 15jähriges Ich zurück versetze, hätte ich mich wohl auch lieber mit meiner nächsten Freizeitunternehmung als mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Wie spießig ist das denn bitte?

Vielleicht passierte hier aber auch dieses sagenhafte Phänomen, dass man gerade dann etwas lernt, wenn man es nicht lernen muss. Schließlich fand ich, als eingefleischter Bücherwurm seit Kindertagen, meine komplette Schullektüre unnütz und dröge. Aber das ist ein anderes Thema.

Was ist jetzt also zu tun? Die Augen verschließen kann ich davor nicht mehr. Spätestens, seit ich bezahlbare, tierversuchsfreie Alternativen für meine Kosmetik gefunden habe, greife ich mehr und mehr darauf zurück. Warum auch nicht? So viel mehr kostet es mich ja nicht und Qualitätseinbußen konnte ich bisher nicht feststellen – eher im Gegenteil. Viele Dinge backe und koche ich sowieso lieber selber, anstatt sie mir fertig zu kaufen. Da weiß ich wenigstens, dass da nicht Unmengen an Zucker hineingestopft worden sind, was mir schon allein aus oberflächlichen, körperumfangsbedingten Gründen wichtig ist. Bei den Verpackungen wird es schon kniffliger. Manchmal hat mich der kleine, belehrende Hippie auf meiner Schulter so fest im Griff, dass ich den Bioladen ansteuere und dort einkaufe, um beim nächsten Mal wieder dem Geizhals auf der anderen Schulter folgend mit schuldbewusster Miene, aber deutlich weniger belasteter Geldbörse, doch wieder den Discounter anzusteuern. Dabei habe ich gelernt, dass gesund essen, nicht unbedingt teuer sein muss – das Problem mit den wenig nachhaltigen Verpackungen löst es allerdings nicht. Es fehlt eben nach wie vor eine Alternative zum Kunststoff, der ja nicht ausschließlich verteufelt werden kann, bedenkt man seine Isolierfähigkeit, sein leichtes Gewicht usw. Bei der Kleidung verhält es sich ähnlich: ein Pullover, der in Thailand hergestellt worden ist, kann von einigen eben eher bezahlt werden, als das faire Kleidungsstück aus Deutschland. Ich, als geschlagenes Opfer des Sommer-Herbst-Winter-Jetzt-aber-wirklich-Schlussverkaufs, versuche mich jetzt mehr und mehr in meinem eigenen Shoppingwahn zurückzunehmen, und vielleicht ein schönes Teil zu kaufen, bevor es fünf aus der 3-für-2-und-dazu-noch-zwei-Basics-oben-drauf-Aktion sind. Tut meinem Kleiderschrank gut und meiner Zeit, die ich sonst für Aufräumen und Waschgänge aufwenden müsste. Ich bin zunehmend hellhörig für das Thema geworden und auch wenn ich diesen ganz-oder-gar-nicht-Gedanken nicht wirklich umsetzen kann, ohne am Ende als Selbstversorger im Wald zu enden, will ich doch lernen, am Ende etwas bewusster zu leben.

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13 Gedanken zu “Hilfe, der Öko hat mich!

  1. Hach Mensch, da sprichst du echt was an. Ich erkenne mich ziemlich wieder. Das „lehren“ verändert eben sehr. Die besten Themen sind eben die, hinter denen man selbst steht. Also versucht man mehr und mehr eine Postition zu finden, die man selbst vertritt. Und schwupps! wird man vom Saulus zum Paulus. Andererseits macht es das Leben doch auch interessanter, wenn man merkt, dass sich etwas ändert. Mein nächstes Experiment wird „cold brew coffee“. Total hip! O_o Und warum? Weil ich darüber gelesen habe… XD

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  2. Willkommen in der Selbsthilfegruppe der Erwachten! Ich hab hier shcon mal Kaffee und Gebäck vorbereitet. Das seltsame ist doch, dass ich mich schon vorher für eine nicht allzu dumme Nulpe gehalten habe, aber nun erst das Gefühl habe, dass wirklich Wissen in meinem Hirn ankommt (daher macht deine These zum freiwilligen Lernen schon Sinn).
    Auch wenn deine SuS mit den Augen rollen, irgendetwas wird hängen bleiben und vielleicht Jahre später ein Klick verursachen.
    (PS: Über Kleiderkreisel kann du oft neue Mode kaufen, die dennoch Second-Hand ist.)

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    1. Von Kleiderkreisel hab ich auch schon oft gelesen. Da muss ich wohl wirklich mal rein schauen. Tatsächlich bin ich ja immer öfter in der ich – hab – genug – Klamotten – Phase… ich muss Fieber haben 😉

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  3. Wir für unseren Teil haben in den letzten Monaten „gelernt“, viel mehr im Bauernladen zu kaufen. Fast alles ohne unnötige Plastikverpackungen und vom Preis her – man höre und staune – kaum teurer, manches sogar günstiger als im Supermarkt (wir kaufen sonst bei Rewe ein, nicht im Discounter). Warum das so ist liegt auf der Hand. Beim Direkteinkauf auf dem Markt fehlt die Kette der Händler, die ja überall mitverdienen wollen (Transport, Personal, Einzelhändler). So geben wir für Gemüse, Milch und Milchprodukte nicht mehr aus als im Geschäft und der Bauer ist auch glücklich, da er mehr daran verdient als wenn er die Abnahme-Preise vom Handel diktiert bekommt.

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    1. Ich hab auch mal recherchiert, wo es bei mir den nächsten Bauernladen gibt. Tatsächlich gibt es ja auch in der Stadt einen Unverpackt-Laden, aber alles gefühlt am Ende der Welt (wieder ein Punkt, den ich an der Großstadt nicht mag). Ich will da aber unbedingt mal rein schauen, wenn ich doch mal in der Nähe bin.

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  4. Liebe Susanne,
    ich kenne deine Gedankengänge nur zu gut von mir selbst. Im Bio-Laden ist alles so teuer, aber im Edeka ist das Bio-Gemüse immer in extra Folie eingepackt (wahrscheinlich, damit es haltbarer ist, da nicht gespritzt). Bei Kleidung geht es mir genauso. Ich kaufe zwar aus Prinzip nicht bei Primark ein, aber sind H&M, Zara udn Co. wirklich besser?
    Liebe Grüße, Alex

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    1. Ganz genau. So richtig zufrieden ist man nach eingehender Recherche irgendwie nie. Bei H&M soll es jetzt wohl eine grüne Box geben, in der man seine Altkleider rein werfen kann (egal welcher Zustand) und dafür einen Rabatt bekommt. Aus den alten Stoffen will man wohl eine neue Kollektion machen. Da bin ich ja sehr gespannt.

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