(Schul)Literatur auf den zweiten Blick

Ich habe einen relativ statischen Buchgeschmack. Ich lese vorrangig (High) Fantasy, hin und wieder flutscht mal ein Liebesroman oder ein historischer Schmöker dazwischen, doch grundsätzlich hat die fantastische Literatur einen festen Platz in meinem Herzen. Nun ist es so, dass dieses Genre nach wie vor nur sehr sporadisch Einzug in die Lehrpläne gehalten hat, oftmals sind es nach wie vor die Klassiker, die unsere Schüler heute noch lesen müssen. Oft sitze ich in der Vorbereitung selbst mit einer Motivation, die nackt mit einem Cocktail über die Wiese rennt, vor diesen Werken. Wieso, frage ich mich nicht selten, muss ich diese uralten Stoffe jetzt wiederkäuen, wo doch die Buchläden voller frischer, neuer Ideen sind?

Umso erstaunlicher ist es allerdings, dass ich nach näherem Betrachten sehr oft regelrecht überrascht war, welche kleinen Schätze sich hinter den mit Laaangweilig beschilderten Büchern steckten.

David_Garrick_in_Hamlet,_Act_I,_Scene_4So faszinierte mich irgendwann die Vielschichtigkeit, die hinter der Persönlichkeit des Hamlet steckte, die finsteren Intrigen am dänischen Hof zogen mich mit jeder Seite, die ich mich damit beschäftigte, mehr in seinen Bann und spätestens beim Besuch des grandiosen Theaterstückes im Staatsschauspiel Dresden (ich mied zuvor jeden Theatergang wie ein Vampir den Knoblauch) war ich von der dramaturgischen Wucht dieses Stückes gefesselt.

Ebenso erging es mir jüngst mit Kafkas Werken. Zwar finde ich seinen Stil nach wie vor 450px-Kafkasperrig und schwer zu durchdringen, aber spätestens nach einem Blick auf die Biografie dieses einsamen Mannes öffneten sich mir mit jeder Zeile Tore in das Innerste einer Psyche, die von Zweifeln und niedergedrücktem Selbstwertgefühl geprägt war. Kafka opferte sein ganzes Leben seiner Kunst. Das Schreiben stand bei ihm stets höher als zwischenmenschliche Bindungen und gerade diese Diskrepanz zwischen Leidenschaft und gesellschaftlichen „Pflichten“ ist auch heute noch so aktuell, dass mir Kafkas Zweifel mehr und mehr verständlich wurden.

Juli ZehAuch Juli Zeh erschien mir mit ihren Texten immer sehr weit weg und als ich Corpus Delicti erstmals im Urlaub in die Hand nahm, sorgte die düstere Atmosphäre in diesem Roman schnell dafür, dass es mit seliger Strand-und-Palmen-Stimmung vorbei war. Die in dem Roman besprochenen Themen vom Überwachungsstaat und Unfehlbarkeitsstreben sowie einer zunehmenden Bevormundung durch die Gesellschaft wurden mir erst greifbar, als ich mich berufsbedingt näher damit beschäftigen musste. Ich erkannte schnell die Kritik, die hinter Mia Holls Geschichte stand und auch wenn diese Art der Literatur nach wie vor nichts für einen gemütlichen Leseabend vor dem Kamin ist, so hat sie es dennoch geschafft, dass ich mit Begeisterung vor der Klasse stand und mit genau diesen Themen die Diskussion suchte.

Zunehmend kommt mir also der Gedanke, welche Bücher ich noch aufgrund ihres eingestaubten Charakters vielleicht doch noch einmal aus dem Regal holen sollte, um zu hinterfragen, wo genau der Erfolg jener Werke begründet liegt. Lohnt sich vielleicht sogar bei dem mir abgrundtief verhassten Der Schimmelreiter von Theodor Storm ein zweiter Blick? Einige Aha-Momente schreibe ich dann doch meinem jetzigen Alter zu, das es mir ermöglicht, Strukturen und Zusammenhänge eher zu erkennen, als mein Teenie-Ich, dem es wirklich egal war, was Weltliteratur ist, solange der nächste Eis-und-Feuer-Band nicht mehr lange auf sich warten ließ. Ich denke auch, dass einige der Klassiker wirklich erst später gelesen werden sollten, wenn man den nötigen Grad an Reflexionsfähigkeit und sprachlichem Verständnis erreicht hat, um diverse inhaltliche Feinheiten herausfiltern zu können. Doch gerade dann macht es Spaß, sich ein wenig selbst zu hinterfragen und manchen Büchern und Autoren doch noch die Anerkennung zu geben, die sie überraschenderweise tatsächlich verdienen.

Vielleicht sollte ich hier ein wenig mehr auf ältere oder Schulliteratur eingehen, denn vielfach hat mich die vermeintlich dröge Schullektüre mit ihren feinsinnigen Denkanstößen überrascht. Auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, dass mehr neuere Literatur in die Schulen Einzug halten müsste, so vermochten es Bücher wie Undine, Hamlet oder auch Kafkas Das Urteil Zeiten und Menschen zum Leben zu erwecken, die nicht nur einen zweiten Blick zwischen die Zeilen mehr als würdig sind.

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