Nicht gut genug

Ich schreibe bereits Geschichten, seit ich es kann. Das klingt paradox, aber schon seit ich das erste Buch in den Händen hielt und die Geschichten und Abenteuer darin entdeckte, war ich vom Drang beseelt, einmal selbst eigene Ideen zu Papier zu bringen. Erst kürzlich fand ich alte Tagebücher von mir (ein Quell der vorpubertären Peinlichkeit) und bereits dort habe ich vermehrt davon gesprochen, einmal Schriftstellerin werden zu wollen. Neben den ganzen äußerst lächerlichen Ergüssen über meine aberwitzigen und unerreichbaren Vorstellungen, wie mein Traummann zu sein hat und wie sehr ich doch meinen Hund vergöttere, habe ich schon damals einen erstaunlichen Wortschatz gehabt und nahezu fehlerfrei und sehr syntaktisch komplex geschrieben – etwas, was mir natürlich erst heute richtig auffällt. images

Zwanzig Jahre später sitze ich nach wie vor über meinem Manuskript, dessen Grundidee bereits seit meinem 13. Lebensjahr in mir schlummert und frage mich oft, wieso zur Hölle ich nicht damit fertig bin. Ein Schulabschluss, Studium und Berufsausbildung liegen hinter mir, nur leider hatte vor allem letztere nur sehr marginal etwas mit meinem einstigen Traumberuf zu tun. Schließlich kann man mit der Schriftstellerei, so meine Auffassung, ja kein Geld verdienen und wenn ich etwas wollte, dann war es abgesichert und finanziell unabhängig zu sein – ein Grundbedürfnis, was sich stets vor meine eigentlichen Lebensträume schob.

Umso gravierender beteiligt war aber an meinem nach wie vor fehlenden Erfolg eines: meine Selbstzweifel. Mit meinen jetzt 30 Jahren kann ich durchaus von mir behaupten, mit mir selbst im Reinen zu sein und über damalige Komplexe mein Äußeres betreffend kann ich heute nur noch schmunzeln. Viel schwerwiegender waren aber jene Zweifel, die sich nicht mit meiner Hülle beschäftigten, sondern die viel tiefer in mir nagten und es teilweise auch heute noch tun. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, hat öfter dafür gesorgt, dass ich erste Manuskriptentwürfe kurzerhand löschte, als ich zählen kann. Dafür gab es regelnmäßig riesige Standpauken meiner Eltern, die mehr als ich von meinem Können überzeugt waren, aber das Gefühl, ungenügend zu sein, nie ganz aus mir vertreiben konnten. Je länger ich an einer Geschichte arbeitete, desto größer wurde das Gefühl in mir drin, dass das, was ich da schrieb, bestenfalls dazu geeignet war, sich den Allerwertesten abzuputzen, als (die Horrorvorstellung schlechthin) es anderen zu präsentieren! Noch heute finde ich es höchst unangenehm, wenn andere meine Entwürfe lesen, als könnten sie das aussprechen, von dem mein Unterbewusstsein schon lange überzeugt ist: Dass dies der größte Schund ist seit man auf Buchcover halbnackte Männeroberkörper und schmachtende Damen in Pyjamas gedruckt hatte.

images1Nichtsdestotrotz haben bis heute einige Geschichten meine Zerstörungswut überstanden und fallen mir in regelmäßígen, dem Frühjahrsputz geschuldeten Abständen in die Hände. Das, was ich da immer wieder lese, ist dann immer und immer wieder alles andere als Schrott, vor allem wenn man beachtet, wie alt ich zu jenem Zeitpunkt war. Selbstverständlich drehten sich die Geschichten einer Fünfzehnjährigen nicht um komplexe, gesellschaftskritische Themen, doch was Fantasie und Kreativität anging, war ich damals schon fünf Schritte weiter. Dennoch schafft es diese Erkenntnis ebenfalls nicht, dass ich heute oft auf mein Manuskript starre, was so weit vorangeschritten ist, wie nie zuvor, und am liebsten auf das rote X in der Ecke drücken würde, weil andere es ja doch so viel besser können. Wer bin ich schon, sich mit jenen Koryphäen zu messen, die mir schlaflose Lesenächte unter der Bettdecke bescherten? Meine Vorstellungen variieren hier von bloßer Ignoranz über schallendes Gelächter bis hin zum brennenden Scheiterhaufen aus Stapeln meiner Bücher, um die Lektoren mit Fackeln und Heugabeln hysterisch lachend tanzen.

Sind wir mal ehrlich: Auch wenn mir oft die Zeit und der freie Kopf zum Schreiben fehlt, ein viel größeres Problem sind diese nagenden Selbstzweifel, die mir bisher verwehrten, eine Idee fertig zu entwickeln. Das Gefühl, nicht gut genug für eine Aufgabe zu sein, mag vielen bekannt vorkommen, und gerade bei größeren Projekten ist sie zusammen mit dem fiesen kleinen Bruder namens Perfektionismus das größte Hindernis beim Erreichen seiner Ziele. Auch wenn ich mittlerweile oft genug denke, dass ich das, was ich da tue, gut kann, so flüstern die kleinen Stimmen nach wie vor bisweilen, dass ich doch lieber nicht mit der Nase in den Wolken hängen sollte. Realistisch bleiben, sagen sie, und große Werke denen überlassen, die etwas davon verstehen. Ich glaube, die Schreibarbeit ist auch zeitgleich immer eine Arbeit gegen das eigene Minderwertigkeitsgefühl. Es ist ein Prozess, über sich hinauszuwachsen, einfach weiterzumachen, und das Ergebnis erkennt man wahrscheinlich erst mit genügend Abstand. Und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, ist es hoffentlich nicht mehr die Geschichte eines Teenies, über der ich sitze und denke: Gar nicht so übel!, sondern die meines jetzigen Ichs, das jahrelang an diesem Projekt saß und es nun stolz in den Händen halten kann. Auch wenn es das Gefühl hatte, die ganze Zeit nur dilettantischen Schrott zu schreiben.

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2 Gedanken zu “Nicht gut genug

  1. Einer meiner Lieblingssprüche ist ja immer noch: Doubt kills more dreams than failure does. Ich kenne das nur zu gut. Andererseits weißt du als fleißiger Leser doch auch, dass es perfekt nicht gibt. Das Buch, welches der eine innig liebt, weil es sein ganzes Leben verändert hat, wird vom nächsten gelangweilt in die Ecke gelegt. Gerade bei Büchern kann man es doch gar nicht perfekt für alle machen. Dem eigenen Zweifel dagegen kann man nur immer aufs Neue trotzig die Stirn bieten. Du packst das! 😉

    1. Ich danke dir! Und der Spruch könnte wahrer nicht sein, zumindest in meinem Fall! Ich bleibe definitiv dran und wenn du mal Testleserin sein willst, würde ich mich sehr freuen über deine Meinung 😉

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