Kategorie: Rezensionen

[Gesehen] Der Fluch des Drachen

Gestern war es nach einer Terminverschiebung von fast drei (!) Monaten nun endlich soweit: Ich besuchte das Fantastical Der Fluch des Drachen im Haus Leipzig. Zunächst einmal verwunderte mich der Begriff dieses Spektakels, denn was genau soll man sich eigentlich unter einem Fantastical vorstellen? Ein fantastisches Musical? Auf der Homepage ist zu lesen, dass es „die Opulenz eines energetischen Musicals mit der Fantasie und Dramatik einer epischen Fantasy-Geschichte“ vereinen soll. Dementsprechend gespannt war ich auf diesen Abend, denn immerhin stammt die Geschichte von niemand anderem als Markus Heitz und eine meiner Lieblings-Mittelalterbands, Corvus Corax, sollte für die musikalische Untermalung sorgen.

Worum geht es in dem Stück? Der junge Schmied Adamas ist ein Ausgestoßener unter seinesgleichen, da er über geheimnisvolle, übermenschliche Kräfte verfügt. Während seiner Reisen kommt er schließlich an den Hof Philipps des Schönen, der jedem, der sieben Aufgaben zu meistern vermag, die Krone und natürlich auch die Hand seiner bezaubernden Tochter Marlies verspricht. Vorgestellt wird die Handlung von Schauspieler Johannes Steck, der in die Rolle eines modernen Geschichtenerzählers schlüpft und mit seiner Stimme beeindruckend vielfältig das Geschehen begleitet. Dies ist auch die eigentliche Stärke des Fantasticals, denn wenn auch die Story auf eine Serviette passt, so verleiht die imponierende Stimme Stecks und seine einnehmenden Präsenz auf der Bühne der Handlung das gewisse Etwas. Man muss darauf gefasst sein, dass es sich hier nicht um ein klassisches Musical handelt, vielmehr soll hier wohl die alte Erzähltradition wieder aufgelebt werden, in der der Fokus auf dem Sprecher liegt – Schauspieler und deren Dialoge verbleiben diesbezüglich oft nur eine Untermalung. Dies erwies sich auch als gut so, denn oscarreife Inszenierungen darf man bei den Darstellern nicht erwarten. Glücklicherweise beeindruckten deren Stimmen mich umso mehr und bis auf ein paar Ausnahmen, die mir dann doch zu sehr nach modernem Schlager klangen, waren die Lieder eingängig und mitreißend. Perfekt dazu passten die mittelalterlichen Instrumente der Band, die den Saal bis in die hinterste Ecke mit ihrer Aura erfüllten. Speck interagierte dabei fortwährend mit dem Ensemble, kommentierte deren Handlungen, wies sie an oder trieb aktiv den Plot voran, was dem Schauspieler wirklich fortrefflich gelang. Auch das Bühnenbild wurde sehr gekonnt ausgenutzt. Licht- und Schattenspiele setzten die Figuren und Szenen sehr stimmig in Szene und wirkten an keiner Stelle unpassend.

Oft ertappte ich mich dabei, wie ich auch mein eigenes Erzählverhalten reflektierte und mich fragte, inwieweit der Erzähler Einfluss auf das Geschehen haben darf und ob es ein allzu großer Bruch mit erzählerischen Traditionen wäre, wenn dies in der Literatur vermehrt auftreten würde. Passende Beispiele wollen mir zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht einfallen, denn mit einem klassischen personalen Erzähler, der alles nur aus seiner Perspektive berichtet, hat die Erzählweise in Der Fluch des Drachen wenig zu tun. Vielleicht liegen genau hier die Grenzen zwischen Prosa und Drama – ähnliches kam mir bisher höchstens noch in Filmen unter.

Erzählerisch fand ich das Zusammenspiel von Sprecher und Darstellern sehr gelungen und an den meisten Stellen passte der Humor sehr gut. Jedoch schien besonders nach einer viel zu langen Pause nach knapp 1,5 Stunden die Luft deutlich entwichen aus dem Ensemble. Neue Lieder gab es keine mehr zu hören, vielmehr wurden jene aus dem Anfang in kleinen Abwandlungen wiederholt. Die Dialoge muteten besonders zum Ende hin zum Fremdschämen an und alles wirkte gehetzt und unvollkommen. Insgesamt hätte man hier deutlich kürzen und die Pause einfach weglassen können, was dem ganzen Stück deutlich mehr Tempo verliehen hätte. Ein abschließendes, finales Lied wäre ebenfalls schön gewesen, doch wer darauf hoffte, wurde leider enttäuscht. Eingefleischte Corvus Corax Fans wird dies wohl wenig gestört haben, zumindest strapazierte deren Jubelgeschrei mein Trommelfell ordentlich. Am Ende ist es wohl auch genau auf jene ausgelegt, für Außenstehende ist hinsichtlich Storytiefe und Musikgeschmack ein großes Maß an Toleranz vonnöten, um Der Fluch des Drachen zu einem lohnenswerten Ereignis zu machen.

[Review] Blade Runner 2049

>>Trailer<<

Es ist ein Szenario, was bereits in den 80ern nicht nur die Filmwelt beschäftigte: was passiert, wenn die Technik irgendwann soweit ist, künstliche Menschen zu erschaffen? Und was passiert, wenn diese irgendwann eine eigene Intelligenz, einen eigenen Willen besitzen? Nach zahlreichen blutigen Aufständen sollten diese KI’s, die sogenannten Replikanten, welche meist auf Kolonien außerhalb der Erde arbeiten mussten, gnadenlos verfolgt werden. Dies übernahm eine Spezialeinheit der Polizei, die Blade Runner.

Dreißig Jahre, nachdem einer dieser Blade Runner namens John Deckart (Harrison Ford) in Ridley Scotts Meisterwerk sich in eine solche Replikantin verliebte und seinen Beruf an den Nagel hängte, stellt uns Regisseur Denis Villeneuve K (Ryan Gosling) vor, der während seiner Arbeit auf ein Geheimnis stößt, welches seine eigenen Überzeugungen und Wertvorstellungen völlig über den Haufen werfen. Der junge Blade Runner, selbst ein Replikant der neueren Generation, lebt sehr zurückgezogen und einsam mit seiner eigenen KI (Ana de Armas) zusammen und stößt bei einer seiner Missionen auf zahlreiche Hinweise, die ihn an seiner Existenz zweifeln lassen. Plötzlich muss er alles in Frage stellen, woran er glaubte, selbst die eigenen Erinnerungen, von denen er überzeugt war, sie seien ihm künstlich gegeben.

Obwohl ich ein großer Fan des ersten Films bin, ging ich doch mit wenigen Erwartungen ins Kino, was mich umso mehr wundert, da das zugehörige PC-Spiel eines meiner Einstiege ins Zocken war und von mir heiß und innig geliebt wird.

Die Geschichte lebt entgegen den Gepflogenheiten im Hollywoodkino nicht von geballter Action in jeder Sekunde, sondern von ruhigen, nachdenklichen Szenen, von eindringlichen Dialogen, die dann und wann von dann doch actionreicheren Szenen unterbrochen werden. Hier steht ganz klar die Charakterentwicklung von K im Vordergrund, der von Ryan Gosling mit gewohnt minimalistischen Zügen dargestellt wird, was ich aber an dieser Stelle sehr passend fand. K ist auf der Suche nach Deckart, denn nur der gesuchte Ex-Blade-Runner kann Licht in die Dunkelheit von K’s Gedanken bringen.

Was in diesem Film ganz stark ist und mich am Meisten beeindruckt hat, war die grandiose Optik. Diese hat mich vor allem auch darüber hinweg getröstet, dass sich die Handlung doch sehr in die Länge zog und Charaktere wie Niander Wallace (Jared Leto), der mysteriöse Nachfolger des Replikant-Schöpfers Tyrell, in ihrem Auftreten flach und überflüssig waren. Der Regisseur hat es auf beeindruckende Art und Weise geschafft, die Welt aus Blade Runner von 1982 wieder zum Leben zu erwecken. Verfallene Städte, neonhell erleuchtete Straßen bei Nacht, wandernde Scheinwerfer und ein starker Soundtrack, der die Szenerie an den richtigen Stellen untermalt. Mal sind Szenen in grelles Orange getaucht, mal befinden wir uns in einer grauen, öden Landschaft – visuell wird man während des Films nahezu berauscht von schillernden Farben und düsteren Kulissen, die immer eine eigene Interpretation des Geschehens liefern. Doch auch die Themen, die der Film aufgreift, bieten wie bereits beim Vorgänger ausreichend Diskussionsstoff. Was macht dich zum Menschen? Ab wann ist man menschlich? Ist die biologische Geburt Voraussetzung dafür? Und wer hat das Recht, über die menschliche Identität zu entscheiden? Dies fragte ich mich in vielen Szenen, vor allem als es um K’s Erinnerungen und das Hadern mit seiner eigenen Identität ging. Aber auch seine Beziehung zu der künstlichen Intelligenz Joi wirft viele Fragen hinsichtlich der emotionalen Fähigkeiten jener Maschinen auf und ab wann man von echten Gefühlen sprechen kann.

Nichtsdestotrotz war der Film vor allem eines: lang. Manche Passagen zogen sich trotz optischer Intensität und guter schauspielerischer Leistung zäh wie Kaugummi. Noch dazu war der Ton recht unausgewogen, sodass man bei bewegteren Szenen fast aus dem Sitz gepustet wurde aufgrund der unverhältnismäßig aufgedrehten Lautstärke. Für 3D Fans lohnt sich der Film ebenfalls nicht: eine Tiefenwirkung ist durch die häufig nebligen Szenen kaum erkennbar, Pop Outs gibt es so gut wie gar nicht und auch so lebt der Film ohnehin eher von seiner nervenaufreibenden Inszenierung und nicht von digitalen Effekten, die zwar gut sind, aber auch ohne Dreidimensionalität überzeugen. Sowohl Fans des alten Kultfilmes als auch Neulinge kommen auf ihre Kosten und der Auftritt Harrison Fords kommt zwar spät, ist dann aber sehr gut in die Handlung integriert und wirkt nicht so erzwungen, wie es bei manchen Auftritten der alten Hasen der Fall ist.

Es sind über zwei Stunden philosophische Grundfragen, Augenschmaus und geforderter Konzentration, die man danach erst einmal verdauen muss und die für den einen oder anderen vermutlich zu viel des Guten sein könnten. Meine Begleitung sah regelrecht erschöpft aus nach diesem Filmerlebnis und beschrieb ihn als einfach nur langatmig und nicht den Erwartungen entsprechend. Dies kann ich nur teilweise verstehen. Ja, er ist teilweise hinsichtlich der Nebencharaktere zu flach, Gesichter sind zu austauschbar, dennoch ist Blade Runner 2049 ein tiefgründiger, visuell perfekt inszenierter Film, der viel Raum für Interpretationen liefert.

[Review] Ex Machina

Irgendwann sehen die KIs auf uns zurück als aufrecht gehende Affen, dazu verdammt auszusterben.

Trailer

Wozu ist eine künstliche Intelligenz fähig? Diese Frage stellt sich zu Beginn des Films von Regisseur Alex Garland der Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson), der die Maschine Ava (Alicia Vikander) mit gezielten Fragen nach ihrem Verhalten abscannen soll. Bemerkt man, dass sie nur eine Maschine ist? Gibt es bei ihr menschliche Reaktionen, Fähigkeit zum komplexen Denken, wenn nicht sogar Gefühle? Nach und nach stellt Caleb fest, dass Ava weit mehr ist, als eine Mischung aus Schaltkreisen und Algorithmen. Stets unter der Beobachtung des egozentrischen Nathan (Oscar Isaac), dem Schöpfer der künstlichen Intelligenz, werden die Gespräche tiefgehender und persönlicher und allmählich muss Caleb feststellen, dass eine beunruhigend knisternde Verbindung zwischen ihm und Ava besteht. Dies wird durch die Tatsache, dass die KI eine ungeheure Ausstrahlung verliehen bekommen hat, nicht unbedingt besser und je länger Caleb in der bedrückenden Behausung von Nathan für die Testinterviews verweilt, umso mehr beginnt er an dessen Beweggründen zu zweifeln. Allmählich beschleicht ihn die dunkle Vorahnung, dass Ava in großer Gefahr schwebt und getrieben von seinen zwiespältigen Gefühlen reift in Caleb der perfide Plan, die KI aus den Fängen des alkoholabhängigen Nathan zu befreien.

Der Film konzentriert sich die ganze Zeit auf lediglich drei Charaktere, Ava, Caleb und Nathan, und spielt sich fast ausschließlich in dem Haus des KI-Schöpfers ab. Umgeben von einer wunderschönen Landschaft liegt das Haus abgeschieden von der Zivilisation, unbeobachtet von neugierigen Augen. Die Einsamkeit lastet bedrückend auf der Szenerie und es erscheint im Verlauf der Handlung nicht verwunderlich, dass Caleb irgendwann ernsthaft beginnt, an seinem gesunden Menschenverstand zu zweifeln. Die schauspielerische Leistung kann sich besonders von der Hauptdarstellerin durchaus sehen lassen, welche die Mischung zwischen der kalten Maschine und einer versteckten, mysteriösen Intelligenz meisterhaft hinbekommt. So wirken die beiden Männer der Geschichte schon fast flach neben ihr, obgleich man Domhnall Gleeson das Misstrauen und die innere Zerrissenheit durchaus abkauft. Dennoch kommt die Handlung nur schwer in Gang, da der Fokus eher auf den Gesprächen liegt, denen es an Geschliffenheit und Eloquenz deutlich fehlt. So zieht sich das Geschehen wie Kaugummi in die Länge und die ganze Zeit wartet man darauf, dass irgendetwas passiert, was das vorangegangene Gerede um nichts rechtfertigen würde. Sobald dies dann endlich der Fall ist, ist der Film auch schon vorbei, mit einem durchaus überraschenden, aber unbefriedigenden Ende. Hier soll offensichtlich Raum für eigene Interpretationen gelassen werden, die man jedoch nur anstellen kann, wenn man vorher nicht schon längst auf der Couch eingeschlafen ist.